Die Legende von den 7 Königen
Kaum waren die 3 heiligen Könige Kaspar, Melchior und Balthasar nach ihrem Besuch im Stall von Bethlehem wieder losgezogen, trafen sie ein: die 7 Könige aus einem kleinen fernen und kalten Land. Genau gesagt waren es 6 Könige und eine Königin.
Dass sie hier in Bethlehem eintrafen – und erst noch ohne dass einer fehlte – war an sich schon ein Wunder. Zuerst hatten ein paar gemeint, es sei doch nicht nötig, ins Ausland zu gehen, man habe schließlich schon im eigenen Land genug Ausländer. Auch wurde die Stimme laut, wieso denn der Sohn von Gott nicht hierzulande zur Welt käme, wo man für Geburten aller Art bestens eingerichtet sei und Ausländer mit Rang und Namen auch immer willkommen wären – das wäre doch sicherer als in einer so instabilen Weltgegend wie dem Nahen Osten. Aber schließlich obsiegte der welsche Charme der einzigen weiblichen Hoheit, die sagte, man solle nun endlich mal was Mutiges tun.
Anzufügen ist, dass die 7 Könige gerade frisch gewählt waren, noch etwas benommen von all den Feiern und Ehrbezeugungen. Und sie hatten gefunden, dass zum Anfang ihrer neuen Königsära ein paar Tipps vom Sohn von Gott, der ja der König aller Könige sein soll, bestimmt nicht schaden könnten.
Aber schon die Reise erwies sich für die doch recht in die Jahre gekommenen königlichen Hoheiten nicht gerade als ein Schulreisli. Dass man im voraus beschlossen hatte, bestimmte Strecken zu Fuß zurückzulegen, hatte unterwegs manch einer bereut. Insbesondere der für Sport und Armee zuständige König hatte sich im geheimen etwas von der Fitness seines Vorgängers gewünscht.
Nun also standen sie vor dem Stall, die 7 königlichen Hoheiten, bereit, eine Lektion über Macht in Empfang zu nehmen.
Doch was sie hier erwartete, war über alle Massen enttäuschend. War man wirklich tausende von Kilometern unter vielen Beschwerden gereist, um ein ganz normales Baby anzuschauen? Auch erwies sich Vater Joseph als wenig redegewandt. Er bot zwar den Gästen feinen Hirtenkäse und einen exzellenten Landwein an – was der größte unter den königlichen Majestäten anerkennend vermerkte. Aber ansonsten hatte er wenig bis nichts über Führungsstrategien, Managementqualitäten, Cashflow und dergleichen zu sagen. Gut, mit der Mutter Maria verhielt es sich anders. Die Könige spürten sofort, dass sie ein Geheimnis in sich trug. War es am Ende um dieses Geheimnisses willen, dass sie die ganze Reise auf sich genommen hatten?
Eigentlich war ja auch Maria nichts Besonderes. Jung, sehr jung, fanden die Könige – sie, die ja gerade die jüngste unter den königlichen Hoheiten in ihren Reihen verloren hatten.
Aber je länger sie im ärmlichen Stall saßen, desto mehr begannen sie zu begreifen. Interessanterweise ging als erstem ausgerechnet einem der frischgebackenen Potentaten ein Licht auf. Er, der sonst nie um ein paar markige Worte verlegen war, schwieg und schwieg und schwieg. Er war ja ganz besonders ausgezogen, um Macht, und mehr Macht zu bekommen. Und hier, in Gegenwart der blutjungen einfachen Frau, begegnete ihm nicht Macht, sondern Ohnmacht. Etwas ganz Weiches, Zartes, machte sich in seinem Herzen bemerkbar. Ein Gefühl aus seiner Kindheit, als er in der Sonntagsschulweihnacht ein Hirte war, mit übergroßem Schlapphut. Als er in die Runde blickte, bemerkte er, dass sogar der Kollege, der für seine sprichwörtliche Nüchternheit bekannt war, feuchte Augen hatte. Er spürte: das Geheimnis dieser jungen Frau war ihre Ohnmacht. Könnte es sein – schoss es ihm durch den Kopf – dass diese Frau ihm meilenweit voraus war? Der erste, der nach langer Zeit die Sprache wieder fand, war jener König, der die Stille besonders genossen hatte, weit weg von jedem Fluglärm. Seine Stimme klang für einmal nicht scharf und intellektuell, sondern sie war von einer großen Wärme und Weichheit.
Wir alle, verehrte Kollegin und verehrte Kollegen, sehnen uns im Grunde unseres Herzens nicht bloß nach Macht. Was wir im tiefsten möchten ist Vollmacht. Ein zustimmendes Nicken ging durch die Runde. Heute sehe ich, meine Lieben, dass der Weg zur Vollmacht nur über die Ohnmacht geht.
Nach diesem Satz wurde es wieder still. Keine beklemmende, sondern eine heilige Stille war das. Da saßen sie also auf den Strohballen, die erfolgsgewohnten Könige des kleinen aber nicht unbedeutenden Landes und blickten voll Glück auf das junge Ehepaar mit dem neugeborenen Kind. Der Weg zur Vollmacht geht nur über die Ohnmacht – wiederholte der redegewandte Volkskönig gedankenverloren und in diesem Moment bemerkte niemand, dass für einmal die parteipolitischen Differenzen unter den Herrschaften keine Rolle spielten.
Und wisst ihr, was so schön ist, sagte der zweite frisch gekrönte König, der aus dem kleinsten Bezirk jenes Landes gekommen war: nicht einmal die Presse ist über unsere Pilgerreise informiert. Endlich können wir unter uns sein, ganz ohne Medien und Blitzlichter.
Lange noch saßen sie da, keiner blickte auf die Uhr und die Handys waren abgeschaltet.
Heimgereist sind die 7 Könige dann doch im bequemen Flugzeug. Aber immer wieder sagten sie zueinander: das wollen wir zu Hause auch machen. An Orte gehen, wo die einfachen Menschen wohnen. Ihre Nöte, ihre Sehnsucht, ihre Anliegen spüren. Ihre und unsere ganze Ohnmacht empfinden – und wie sehr wir die Hilfe von Gott nötig haben, um weise leiten zu können.
Natürlich hat sie zu Hause der Alltag wieder eingeholt. Aber immer, wenn sie in ihren verantwortungsvollen Aufgaben sich überfordert fühlten, oder wenn sie von Heuchlern und Schönrednern umgeben waren – versetzten sie sich in Gedanken in den Stall und hörten die weiche und liebliche Stimme: Wir alle, verehrte Kollegin und verehrte Kollegen, sehnen uns im Grunde unseres Herzens nicht bloß nach Macht. Was wir im tiefsten möchten ist Vollmacht. Heute sehe ich, meine Lieben, dass der Weg zur Vollmacht nur über die Ohnmacht geht.
Autor: Pfr. B. Welten, Steffisburg, 10. Dezember 2003