Wer Ohren hat zum hören, der höre
Bericht von Viola Raheb
Bethlehem, 12.3.2002


Quelle: The International Center of Bethlehem - ein Ort der Begegnung zwischen Christen, Juden und Muslimen.
Viola Raheb ist palästinensische Christin und Theologin.

Es ist ca. 18:00h. Ich bin gerade erst vom „Internationalen Begegnungszentrum“ zurueckgekehrt, wo wir den ganzen Tag ueber versucht haben, unsere Hilflosigkeit und Ohnmacht angesichts des Grauens um uns herum zu ueberwinden. Pausenlos haben wir Berichte ueber die Lage hier vor Ort in die Welt geschickt. In einer Zeit, wo die Welt taub gegenueber unseren Schreien zu sein scheint, schreiben wir und hoffen, dass “wer Ohren hat zu hoeren, hoeren moege.”.

Ich setze mich vor den Fernseher und will die Nachrichten des Tages sehen. Doch auf dem Lokalsender Bethlehem werden gerade Bilder des Tages gezeigt. Ich entscheide mich dafuer, da ich den ganzen Tag vor dem Computer sass und keine Bilder gesehen habe. Drehort ist das „Deheischa-Fluechtlingslager“, das groesste Fluechtlingslager im Raum Bethlehem mit ca. 12.000 Menschen, es ist Montag, der 11.3.2002. Auf dem Bildschirm sieht man, wie israelische Soldaten Kinder und Maenner im Alter von 14-50 Jahren, alle Zivilisten, aus dem Lager herausholt und auf einem naheliegenden Gelaende sich versammeln laesst. Mehrere hundert Kinder und Maenner stehen im Freien bei sommerlichen Temparaturen von ca. 28 Grad. Die Soldaten verlangen, dass sich die Maenner in Fuenfer bis Sechser-Reihen aufstellen. Die Reihe, die dran ist, wird aufgefordert, die Kleidung am Oberkoerper auszuziehen, sie in eine Plastiktuete zu stecken und in der Hand zu halten. Danach werden die Identitaetskarten ueberprueft, was letztendlich darueber entscheidet, wer zu den Ausgewaehlten gehoert und wer nicht. Waehrend die, die davonkamen, zur Seite geschoben werden, werden die Haende der Ausgewaehlten gefesselt und ihre Augen verbunden, bevor sie in ein geschlossenes Gelaende gebracht werden. Bilder wie aus Hollywood. Mit dem Unterschied: Die Bilanz des Tages hier vor Ort sind 600 Kinder und Maenner in Gefangenschaft. Ein Journalist fragte einen der Gefangenen, warum er keinen Widerstand leiste und er antwortete: Welcher Widerstand ist noch moeglich, wenn du von bewaffneten Soldaten rumkommandiert wirst, waehrend deine Augen zugebunden und deine Haende gefesselt sind.

Bei den Worten dieses jungen Mannes aus „Deheisha“ musste ich an die Worte des juedischen Dichters Erich Fried denken, die er in seinem Gedicht ueber Gewalt zum Ausdruck bringt:

“….Die Gewalt herrscht dort
wo der Staat sagt:
"Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt"…..

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
"Du darfst Gewalt anwenden"
aber auch dort wo es heißt:
"Du darfst keine Gewalt anwenden"

Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt


Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: "Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun
das ist Gewalt"

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt”

 

Die Worte von Fried schienen mir, obwohl vor Jahren in einem anderen Land, in einer anderen Zeit von einem Juden verfasst, haargenau fuer diese in Gefangenschaft geratenen Maenner von „Deheischa“ geschrieben zu sein. Ja, in einer Zeit, wo das israelische Militaer die Staedte und Doerfer Palaestinas sowie deren Fluechtlingslager umringt, durchwuehlt, Menschen missachtet, heisst die Devise der Regierung Sharon: "Um die Gewalt zu bekämpfen, darf es keine Gewalt mehr geben außer meiner Gewalt."

Und die Welt scheint diese Argumentation zu billigen. Doch was kann man anderes von der Welt heute erwarten, die so von der Terrorbekaempfung besessen ist?

Was mir allerdings nicht aus dem Kopf gehen konnte, war das starke Symbol des gewaltlosen Widerstandes, das das „Deheisha“-Fluechtlingslager vor ein paar Tagen gesetzt hatte. In Erwartung des israelischen Einmarsches in ihrem Fluechtlingslager haben die Bewohner und Institutionen des Lagers eine Presseerklaerung verfasst, in der sie der Welt mitteilen, dass es sich in diesem Lager um Zivilisten handelt, die einfach leben wollen, keine Waffen tragen und erst recht nicht zu den Waffen greifen werden. Diese ausserordentliche Entscheidung der Menschen in Deheisha hat die Ausgangslage voellig veraendert. Ja, das israelische Militaer moege die militaerische Macht ueber die Menschen haben, doch gewiss nicht die Macht ueber die Entscheidungsmoeglichkeiten.

Ich habe mir spaeter am Abend die internationale Berichterstattung angeschaut. Und ich habe mich nicht gewundert darueber, dass es keinen Platz fuer die andere Geschichte des Tages dabei gab. Und dabei musste ich erneut an Erich Fried denken mit seinem Gedicht ueber die Gewalt, als er schrieb: “ Die Gewalt herrscht dort wo sie ihre Gegner einsperrt und sie verleumdet als Anstifter zur Gewalt…”

Zum internationalen Begegnungszentrum von Bethlehem
(von hier stammt obiger Artikel)