Der Traum von Gross-Israel

 

Das Land ohne Volk erwartet das Volk ohne Land» hatte Israel Zangwill, einer der Väter des Zionismus, schon um 1900 griffig formuliert, als ein jüdischer Nationalstaat nur schöne Utopie war. Sein Slogan hatte nur einen Haken - er stimmte nicht. Im Heiligen Land lebten damals etwa 600000 Araber. Doch für die Zionisten war die Richtung klar: Beim Aufbau Israels kamen die Menschen, die seit der Vertreibung der Juden durch die Römer in Palästina lebten, nicht vor.

 

1917 hatten die Briten in der so genannten Balfour-Deklaration der Zionistischen Weltorganisation (ZWO) ihr »Wohlwollen« zur »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« bekundet. Zwei Jahre später erklärte Chaim Weizmann, Präsident der ZWO, in Paris vor den Siegermächten des Ersten Weltkriegs, wie gross er sich das jüdische Palästina vorstellte. Es umfasste das heutige Israel plus Südlibanon, Syrien bis kurz vor Damaskus und den westlichen Teil Jordaniens. Diese »jüdische nationale Heimstätte« solle »ermöglichen, 50 000 bis 60 000 Juden jährlich ins Land zu bringen, unsere Institutionen, unsere Schulen und die hebräische Sprache zu entwickeln, und schliesslich solche Bedingungen schaffen, dass Palästina genauso jüdisch sei wie Amerika amerikanisch und England englisch«. Die arabische Bevölkerung erwähnte Weizmann dabei natürlich nicht.

 

So ein Gross-Israel gestanden die Sieger den Zionisten zwar nicht zu. Doch auch im Dokument des Völkerbundes, in dem Palästina 1922 als jüdisches Einwanderungsgebiet unter britischem Mandat bestätigt wurde, findet sich das Wort »Araber« kein einziges Mal. Obwohl damals die arabische Bevölkerung etwa zehnmal so gross wie die jüdische war. (Noch 1940 war nur ein Drittel der Bewohner Palästinas Juden.)

 

Die arabischen Palästinenser waren alarmiert. Eine amerikanische Delegation, die 1919 den Nahen Osten bereiste, stellte fest, »dass die nichtjüdische Bevölkerung deutlich gegen das zionistische Programm ist. Kein britischer Offizier glaubte, dass es anders als durch den Einsatz von Waffen verwirklicht werden könnte«. Das wussten auch die jüdischen Einwanderer. Von Anfang an wurden »die Siedlungsorte auch im Hinblick auf ihre Verteidigungsmöglichkeiten« ausgewählt, so der israelische Politiker und General Jigal Allon.

 

 

Teilungsplan der UNO
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Welt mehr denn je bereit, den Überlebenden des Holocaust einen eigenen Staat zuzugestehen. Erstmals nahm sie jetzt aber auch von den Palästinensern offiziell Notiz. 1947 arbeitete die Uno einen Teilungsplan aus. Danach sollten 43 Prozent des Territoriums an die Araber, 56 Prozent an die Juden gehen. Jerusalem sollte internationalen Status erhalten.

 

 

Chance vertan
Eine breite Mehrheit der jüdischen Einwanderer stimmte dieser UN-Resolution zu. Doch wie die arabischen Nachbarstaaten lehnten die Gremien der Palästinenser sie ab »und vergaben damit eine historische Chance, das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser zu verwirklichen«, so die Historikerin Angelika Timm in ihrem Buch »Israel. Geschichte des Staates seit seiner Gründung«. Nachdem die Araber losgeschlagen hatten, fühlte sich die jüdische Führung nicht mehr an den Teilungsplan gebunden. »Über die Grenzen des jüdischen Staates entscheiden nur die jüdischen Waffen«, sagte der spätere Ministerpräsident Menachem Begin, damals Chef der israelischen Guerilla-Organisation Irgun. Der Krieg begann.

 

Vom ersten Tag an verstand es der junge Staat meisterhaft, hinter seinem legitimen Recht auf Selbstverteidigung das Streben nach »Erez Israel« zu verbergen, dem biblischen Gross-Israel. Und der Generalsekretär der Arabischen Liga erklärte, man werde die israelischen Truppen ins Meer werfen: »Das wird ein Ausrottungskrieg und ein Massaker sein, von dem man wie vom mongolischen Massaker und den Kreuzzügen sprechen wird.«

 

Doch Israels Streitkräfte waren besser ausgerüstet, besser geschult, besser geführt als die arabischen Divisionen. Schon nach einer Kriegswoche vertraute Ben Gurion seinem Tagebuch eine geradezu alttestamentarische Vision an: »Wenn wir die Kräfte der arabischen Legion gebrochen und Amman bombardiert haben, liquidieren wir Transjordanien, und dann wird Syrien fallen. Und falls Ägypten wagt, den Krieg gegen uns noch fortzusetzen, bombardieren wir Port Said, Alexandria und Kairo. So werden wir die Rechnung unserer Vorväter mit Ägypten, Assyrien und Aram begleichen.«

 

 

Israel übernimmt die Herrschaft
So weit kam es nicht. Doch Israel ging aus dem Krieg 1949 siegreich und um ein Drittel grösser hervor, als im Uno-Teilungsplan vorgesehen. Von den 1,3 Millionen Arabern, die zuvor in Palästina lebten, blieben nur 160000 unter israelischer Herrschaft - als Bürger zweiter Klasse. Die Übrigen wurden vertrieben oder flohen in die Nachbarländer. Der klägliche Rest des arabisch besiedelten Palästinas am Westufer des Jordans wurde 1950 vom arabischen Bruder Transjordanien annektiert, das sich von nun an Jordanien nennen durfte.

 

Im Sechs-Tage-Krieg von 1967 lieferten die Araber erneut die Vorlage für Israels Expansion. Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser tönte damals: »Allein die Existenz Israels ist ein Agression.« Musste Israel da nicht vorbeugend zuschlagen? Zur Selbstverteidigung wäre dieser Krieg nicht notwendig gewesen. Selbst Generalstabschef Yitzhak Rabin gestand später: »Ich glaube nicht, dass Nasser einen Krieg wollte. Die zwei Divisionen, die er am 15. Mai in den Sinai schickte, hätten nicht ausgereicht, um eine Offensive gegen Israel auszulösen. Er wusste es, und wir wussten es.«

 

 

»Es gilt die Realität von 1967«
Was den Israelis nach ihrem Sieg über Ägypten, Jordanien und Syrien in die Hände fiel, war ein neues Stück Erez Israel. Zwar gab es noch 1967 den berühmten UN-Beschluss 242, der den Rückzug der Israelis auf die Grenzen von 1948 forderte. Doch Verteidigungsminister Mosche Dajan hatte zuvor schon unmissverständlich klargestellt: »Es gelten nicht mehr die Grenzen von 1948, sondern die Realität der Landkarte von 1967.« Per Dekret wurden aus dem Westjordanland die der Bibel entlehnten Provinzen »Samaria« und »Judäa«. Mit der Wiedervereinigung Jerusalems war - so Aussenminister Eban - »ein Volk zur Wiege seiner Geburt zurückgekehrt«.

 

 

Enteignet, vertrieben und manchmal auch entschädigt
Um die besetzten Gebiete als jüdisches Land zu sichern, mussten Fakten geschaffen werden. Der Allon-Plan, benannt nach dem stellvertretenden Ministerpräsidenten General Allon, sah einen 115 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Streifen jüdischer Siedlungen am Westjordanufer und einzelne Siedlungen an strategisch wichtigen Punkten vor. Für diese festungsähnlichen Niederlassungen wurden Palästinenser enteignet, vertrieben und manchmal auch entschädigt. Zwischen 1967 und 1977 enteigneten die Israelis im Westjordanland etwa 160000 Hektar, das entspricht etwa einem Viertel der Gesamtfläche dieses Gebiets.

 

Die Arbeiterpartei, seit Gründung des jüdischen Staates an der Macht, rechtfertigte das Konzept eines Gross-Israel vor allem mit Sicherheitserwägungen. Das änderte sich, als mit dem Likud-Block 1977 die religiöse Rechte erstmals die Regierung stellte. Jetzt kam die biblische Verheissung hinzu. In der Wahlplattform des Likud hiess es: »Das Recht des jüdischen Volks auf das Land Israel ist ewig und unbestreitbar. Zwischen dem Mittelmeer und Jordanien wird es nur israelische Oberhoheit geben.«

 

Von nun an sollte ganz Judäa und Samaria besiedelt werden. Minister Ariel Sharon entwickelte einen Plan, wonach die Siedlungen besonders in den dicht von Arabern bewohnten Regionen vorgesehen waren. Palästinensische Orte sollten so »eingekreist« werden. 1990 präsentierte Ministerpräsident Schamir einen »Plan 2010«. Der sah 700000 Wohneinheiten in 170 Siedlungen und eine jüdische Bevölkerung von 2,6 Millionen in den besetzten Gebieten vor. Der Plan wurde nur zum Teil verwirklicht. Aber spätestens seit damals glauben die Palästinenser allen Friedensgesprächen und Friedensplänen der letzten Jahre zum Trotz, dass der Satz, den der israelische Politiker Dr. Meron Benvenisti prägte, unabänderlich gültig ist: »Die meisten Israelis betrachten die Okkupation als eine direkte Fortzsetzung des zionistischen Werks.«

 

Teja Fiedler

 

Quelle: www.stern.de

Der Text war 2002 bei Stern online verfügbar.

 

 

Hintergrundbild:
Die Mauer zwischen Israel und Palästina, 2003. Foto: Winfried Seibert