Die Sache mit der Feindesliebe
Viola Raheb, Februar 2003
»Ihr wißt, daß es heißt: 'Liebe deinen Mitmenschen; hasse deinen
Feind.' Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch
verfolgen.“ Matt
5:43-44
Was für ein Aufruf Jesus! „Liebet
eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen“. Wer diesen Aufruf hört,
egal ob Christ oder nicht wird sich mit Sicherheit fragen was für ein
Unrealist, Utopischer, Verträumter Mensch Jesus gewesen sein muss, um so einen
Aufruf zu machen. Wie weit entfernt Jesus von der realen Welt gewesen sein
muss, um so einen Rat zu geben. Kein Wunder also, dass viele Christen sich gar
nicht trauen auf diesen Aufruf zurück zu greifen, geschweige dies als Aufruf an
sich selbst zu verstehen. Kein Wunder auch, dass viele Menschen uns nicht ernst
nehmen, wenn dieser Aufruf in öffentlichen Diskursen eingebracht wird. Als
christliche Palästinenserin habe ich gelernt, dass Feindesliebe eine echte
Alternative für mich persönlich ist, sofern sie kontextuell und kritisch verstanden
wird. Die Folgenden Gedanken haben mich dabei sehr geholfen:
1. Wer ist mein
Feind?
Wer
sich mit dem Thema Feindesliebe beschäftigt hat und beschäftigt hat seine Mühen
darin den Feind zu lieben. Wie kann ich meinen Feind lieben? lautet daher die am
häufigsten gestellte Frage in diesem Zusammenhang. So als stehen keine andere
offenen Fragen in diesem Zusammenhang. Die Frage nach dem Feind selbst nämlich:
Wer ist denn mein Feind? Ist eine Frage, die sich in den meisten Diskursen
daher erübrigt. Jede/jeder kennt sein Feind, oder meint ihn kennen. Den Feind
zu definieren ist keine Aufgabe sondern vielmehr eine Angabe meinen viele. Doch
ist es tatsächlich so! Ist die Frage nach dem Feind eindeutig definiert!? Oder
ist es nicht vielmehr eine Herausforderung, die wir uns meist entziehen,
vielleicht weil diese Frage das Thema umso schwieriger macht. Wie war es denn
in dem Gleichnis der guten Sameritaner! Bei seiner
Erzählungen wollte Jesus die Menschen herausfordern, aus ihrem behüteten
Plätzen herauslocken, ja gar sie zum nachdenken zwingen. Der Sameritaner, der eindeutig als Feind in der Wahrnehmung der
Zuhörer präsent war, präsentiert Jesus zum Erstaunen aller nicht nur als nicht
Feind sondern als der Nächste, dem die Liebe gilt!
Feindesliebe ist eine Herausforderung an sich
selbst, eine Einladung zum kritischen Denken, zur Überwindung der
Stigmatisierungen und Vorurteile von Anderen.
2. Feindesliebe:
eine Verurteilung der Taten nicht des Menschen:
Wer soweit kommt über die Frage Wer ist mein
Feind nachzudenken, wird Probleme haben bei der Feindesliebe. Wie kann ich ein
Mensch lieben, der/ die mir so viel angetan hat. Denn oft sind unsere
Erfahrungen mit Menschen, die wir als Feinde ansehen
alles andere als positive. Oft tragen wir tiefe Narben von Verletzungen, die
uns diese Menschen zugefügt haben. Bei dem nachdenken über Feindesliebe glauben
wir oft, dass wir dazu aufgerufen sind die Taten dieser Menschen, die alles
andere sind als gut, für gut zu heißen. Doch Feindesliebe heißt nicht die
ungerechten Taten für gut zu heißen. Feindeslieb ist ein Aufruf die Taten beim
Namen zu nennen und demnach zu verurteilen. Doch die Verurteilung der taten
darf nicht zu einer Verurteilung des Menschen werden. In diesem Kontext bietet
uns die Pädagogik eine Hilfestellung; in dem es darum geht zwischen Mensch und
Handlung zu unterscheiden.
3. Feindesliebe
heißt die Möglichkeit zur Veränderung von Menschen nicht auszuschließen:
Wer Feinde hat und wer glaubt solche zu haben, ist oft im
Gefahr diese Menschen einfach als schlechte Menschen zu stigmatisieren und
Ihnen dabei die Möglichkeit zur Veränderung abzuerkennen. Doch jeder Mensch ist
lernfähig und kann sich ändern auch der den wir als Feind betrachten.
Feindesliebe ist das sich vertrauen darauf, dass Menschen sich verändern
können. Feindesliebe ist das Vertrauen auf die verändernde Kraft der Liebe. Die
folgende Geschichte hat mir geholfen auf diese Kraft zu vertrauen:
„ Mein Vater starb, als ich noch sehr klein
war. Doch eine Geschichte von ihm hat mich stets mein Leben lang begeleitet.
Die Leute erzählen, dass wir eine Nachbarin hatten, die des öfters Probleme für
die Nachbarn machte. So hat sie eine Zeit lang ihr Müll jeden Morgen vor
unserem Hauseingang geleert. Obwohl meine Eltern sie oft darauf ansprachen hat
sie nicht damit aufgehört. Meine Mutter hat nach einer Weile auch eine
Beschwerde bei der Gesundheitsbehörde eingelegt doch alles vergeblich. Mein
Vater hat sich aber von all dem nicht beirren lassen. Jeden Morgen als er zur
Arbeit ging, begrüßte er der besagte Nachbarin stets mit den Worten: „Guten
Morgen gute Prinzessin“, doch unsere Nachbarin hat den Morgengruß nie erwidert.
Nach einer Weile war meine Mutter sehr wütend auf meinem Vater, dass er trotz
allem die Nachbarin jeden Morgen so begrüßte. Mein Vater meinte, er wird es
nicht zulassen, dass er die Nachbarin zu behandelt wie sie uns. „Ich grüße sie
um meine Menschlichkeit beizubehalten, meinte er immer wieder.“ Und so hat mein
Vater es nicht ausgelassen die Nachbarin weiterhin zu begrüßen. An einem Morgen
grüßte er sie wie gewöhnt am frühen Morgen. Doch da geschah etwas Unerwartetes.
Die Nachbarin schaute mein Vater an und fragte ihn warum er denn sie jeden
Morgen mit denselben Worten begrüßt trotz allem was sie uns antut. Mein Vater
antwortete, dass er sich sicher sei, dass sie tief in ihrem Innern eine gute
Prinzessin ist. Darauf hin fing die Nachbarin an zu weinen. Das war der letzte
Tag an dem unsere Nachbarin ihr Müll vor unserem Haus geleert hatte. Von dem
Tag an bis zu ihrem Tod hat diese Nachbarin jeden Morgen vor unserer Haustür
gekehrt und auf den Morgengruß meines Vaters gewartet.“
4.
Feindesliebe ist eine Einladung sich von der Opfermentalität zu befreien und
sich als Handelnde neu zu entdecken:
Wer
sich stets auf dem Feind fokussiert begreift sich oft als Opfer. Dabei wird oft
die Perspektive des Opferseins bekräftigt. In der Wahrnehmung scheinen die
Zügel des Lebens auch die der eigenen in den Händen der Anderen zu sein. Eine
Perspektive, die uns unsere Handlungsmöglichkeiten entziehen, und somit uns
passive Betrachter unseres Lebens macht. Feindesliebe ist eine Einladung sich
von der Opfermentalität zu verabschieden, ohne dabei das Unrecht zu verleumden.
Feindesliebe schafft neue Räume und Möglichkeiten des Handelns, auch für
diejenigen, die sich als Schwach und machtlos empfinden.
Der Aufruf Jesus
zur Feindesliebe erfolgt nicht naive und utopisch. In den Versen 39-42, bietet
Jesus eine Alternative zur Kapitulation dar. Die Alternative Jesus ist ein
Aufruf zum gewaltlosen Widerstand. Ein Aufruf, der sich dem eigenen Kontext
bewusst ist und die Handlungsmöglichkeiten im Rahmen dieses Kontextes sichtbar
machen lässt. Erlauben Sie mir die drei von Jesus angebotenen Alternativen kurz
zu erläutern:
a.
„Wenn dich jemand auf die rechte Backe
schlägt, dann halte auch die linke hin.“: Dieser Aufruf Jesus, ist kein Aufruf
zur Annahme von Demütigungen. Wer sich dem Kontext bewusst ist, wird erkennen,
dass der Aufruf Jesus einer ist, der das Blatt wendet und zwar in diesem Sinne:
Wer dich auf die rechte Backe schlägt d.h. mit dem Rücken seiner Hand und dich
dadurch nicht als seines Gleichen anerkennt, bewege ihn dazu dich als seines
Gleichen zu erkennen und dir somit deine menschliche Würde dir wieder
zuzusprechen.
b. „Wenn
jemand mit dir um dein Hemd prozessieren will, dann gib ihm den Mantel dazu.“:
Dieser Aufruf Jesus ist ebenso kein Aufruf zur Annahme von Ungerechtigkeiten,
sondern ebenso eine Wende des Blattes: wer dich vor anderen demütigen will lass
ihn durch seine taten selbst zur Demut kommen. Obwohl wir in unserer heutigen
Welt von Mantel als ein Kleidung oben drüber
verstehen, ist der Mantel in dem Kontext in dem Jesus sprach, das Unterhemd
d.h. wer sein Mantel abgibt steht nackt da. Doch in der jüdischen Tradition ist
die Sünde nicht die der Nacktheit, sondern die Sünde betrifft der jenige der
Andere Nackt sieht.
c. „
Und wenn jemand dich zwingt, "eine" Meile mit ihm zu gehen, dann geh
mit ihm zwei.“ Dieser Aufruf Jesus widerspiegelt den Kontext der Besatzung zu
seiner Zeit. Damals gab es ein Gesetz, der den Menschen dazu genötigte das
Gepäck der Soldaten für eine Meile zu tragen. Obgleich das Gesetz auf
Ungerechtigkeit basiert, sprach es eine deutliche Sprache d.h. nur eine Meile
und keine mehr. Die Soldaten, die die Menschen für mehr als eine Meile genötigte
haben, wurden selbst bestraft. Jesus Aufruf ist klar, rechtswidrige Gesetze
können auch so umgewandelt werden, dass sie zur Selbstschutz angewandt werden
können.
Feindesliebe
kontextuell und kritisch betrachtet eröffnet Möglichkeiten der Gewaltlosenwiderstand
in Mitten von Gewalt und Verzweifelung. Doch viel wichtig scheint mir die
Tatsache zu sein, dass Feindesliebe, uns Menschen die Chance anbietet unsere
Menschlichkeit beizubehalten. Die nachdenklichsten Worte zu Thema Feindesliebe hat der jüdische
Dichter Erich Fried geschrieben als er sagte: „Wer denkt, dass Feindesliebe
unpraktisch ist, der bedenkt nicht die praktischen Folgen der Folgen des
Feindeshasses.“
Mögen
wir den Mut aufbringen Feindesliebe in unserem leben praktisch umzusetzen.
Predigt von Viola Raheb aus Bethlehem,
Palästina, gehalten im Gottesdienst in Bern anlässlich ihres Besuchs vom 16.
Februar 2003.