Berner Ostermarsch vom 12. April 2004
Unter dem Motto
«Gewalt überwinden - Internationale Solidarität für eine gerechte Welt»
haben in Bern rund 300 Menschen am Ostermarsch 2004 teilgenommen.
Die Schlusskundgebung fand auf dem Münsterplatz statt.
Fotoimpressionen von Max Gasser.
Irene Müller (links) moderierte den
Anlass. Die Schriftstellerin
Irena Brezna (mitte) berichtete
über die aktuelle Situation in Tschetschenien.
Sie rief Europa auf mit kritischem Blick und offenen Ohren den Konflikt
zu verfolgen und die Stimmen zu erheben.
Ihr
Referat findet sich
hier.
Rechts eine engagierte Flüchtlingsbetreuerin aus Moskau.

Zum Ostermarsch aufgerufen hatten unter anderen Institutionen der reformierten und katholischen Kirchen Bern, das Bündnis Jugend gegen Krieg, Caritas Bern und der Christliche Friedensdienst, wie der Kommunikationsdienst der reformierten Kirche mitteilte. Synodalratspräsident Samuel Lutz sagte auf dem Münsterplatz, der Friede sei zugleich «ein Ziel voller Sehnsucht und eine Herausforderung von höchster weltpolitischer Relevanz».
Ostern eigne sich für die Friedensbewegung ganz besonders, denn es falle in eine Zeit, da das Licht zunehme und dunkle Machenschaften verdränge. Ostern sei zudem das Fest des Lebens und der Überwindung des Todes.
Zur Sprache kamen auf dem Münsterplatz aber auch die anhaltenden kriegerischen Auseinadersetzungen, die es nötig machten, sich kraftvoll für den Frieden einzusetzen. Die Schriftstellerin Irena Brezna erinnerte an den «Genozid» in Tschetschenien, wo ein kleines Volk unter dem missbrauchten Kampf gegen Terrorismus leide.
Eine Botschaft des Ostermarsches war es, dass der Kampf gegen den Terrorismus nicht mit militärischen Mitteln geführt werde, sondern mit zivilen. Es gelte die wirklichen Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen, nämlich Armut und fehlende demokratische Strukturen.
Die bewilligte Kundgebung verlief laut Stadtpolizei Bern ohne Zwischenfälle.
sda
«Der Bund»: Stadt und Region Bern, 13.04.2004
«Welt ist kriegerischer geworden»
Rund 400 Personen haben am Berner Ostermarsch vom Eichholz zum Münsterplatz teilgenommen
«Gewalt überwinden» war das Thema des diesjährigen Ostermarsches. Auch wenn heuer weniger Menschen mitmarschierten als letztes Jahr, waren die Organisatoren «sehr zufrieden».
Christof Kaufmann
Als im vergangenen Frühling der Krieg in Irak begann, hingen die regenbogenfarbigen Friedensflaggen aus unzähligen Fenstern in der ganzen Stadt Bern. In den letzten Monaten verschwanden dann aber nach und nach die meisten von ihnen. Gestern nun flatterten sie, für ein paar Stunden wenigstens, wieder zuhauf im Wind – am Berner Ostermarsch. An Stöcke gehängt und als Umhänge, um den Hals gewickelt oder um die Hüfte, waren die Fahnen mit der Aufschrift «Pace» allgegenwärtig unter den Teilnehmenden des Marsches.
«Spiessbürger auf die Strasse»
Trotz kühlen Temperaturen um die fünf Grad fanden sich gestern Mittag einige Hundert Menschen im Eichholz ein für den Marsch am linken Aareufer entlang bis zum Marzili und hinauf zum Münsterplatz. Dem Aufruf von reformierter und römisch-katholischer Kirche, Friedens- und Menschenrechtsorganisationen sowie Jugendverbänden folgten nicht nur Friedensaktivisten und Kirchgänger. Die elegante Dame im Mantel und mit hochhackigen Schuhen marschierte ebenso mit wie Familienvater Thomas Steiner mit Kleinkind auf dem Arm. Er sei hier, weil er dafür einstehen wolle, dass Konflikte wieder vermehrt gewaltlos gelöst würden, sagte Steiner. «Es ist an der Zeit, dass auch wir Spiessbürger wieder auf die Strasse gehen und für etwas einstehen.» In ihrer Begrüssungsrede auf der Eichholz-Wiese forderte Louise Schneider von der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) «offene Augen und Ohren, um Gewalt zu erkennen und einen wahrhaftigen Mund, um sie beim Namen zu nennen». Seit dem Ostermarsch vor einem Jahr sei die Welt nicht friedlicher geworden, sondern «kriegerischer, grausamer und unsicherer», sagte Schneider.
«Sie hauen alles zu Klump»
Sie wollten nicht nur «ein Zeichen gegen den noch immer andauernden Krieg in Irak setzen», hatten die Veranstalter im Vorfeld angekündigt, «sondern auch auf ,vergessene‘ Konflikte aufmerksam machen und zivile Konfliktlösungsansätze in den Fokus der Öffentlichkeit rücken». Das fand auch jener Mitmarschierende, der sagte: «Sie hauen alles zu Klump, und geändert hat sich nichts. Weder im ehemaligen Jugoslawien noch in Irak.» Das zeige, dass die Methoden nicht richtig seien, sagte der Mann. Die beiden Frauen, die ihr Fahrrad während des ganzen Marsches neben sich her schoben, waren gekommen, «um einfach ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen».
Das diesjährige Thema sei absichtlich breit gewählt worden, sagte Samuel Durrer von der GSoA. «Wir wollen zeigen, dass wir nicht nur gegen Gewalt und Militarismus protestieren, wenn das Thema politische Konjunktur hat», sagte Durrer. Man habe gewusst, dass man nicht mit gleich vielen Teilnehmern rechnen könne wie im letzten Jahr, als der Irak-Krieg die Leute beschäftigt habe. «Wir sind mit der Teilnehmerzahl sehr zufrieden.»
«Es gibt keinen gerechten Krieg»
Die Schlusskundgebung des Berner Ostermarsches 2004 fand auf dem Münsterplatz statt. Während eine Quergasse weiter eine immer grössere Menschenmenge die Kramgasse säumte in Erwartung der Berner Eishockeyspieler samt Meisterpokal (siehe Seite 43), erzählte auf dem Münsterplatz die Schriftstellerin Irena Brezna von ihren Erfahrungen in Tschetschenien und verlangte von Europa, es müsse das, was in Tschetschenien geschehe, «als Völkermord anerkennen». «Es kann kein demokratisches Russland geben, solange im Kaukasus Völkermord verübt wird», sagte Brezna.
Samuel Lutz, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, sagte, Krieg als Racheakt sei nicht zu rechtfertigen, weil es keinen gerechten Krieg gebe. «Wir sind heute unterwegs, weil wir uns am Frieden und nicht an der Gewalt orientieren wollen. Ostern ist ein Freudentag», sagte Lutz.