Auf der Suche nach dem Clown
Eine Geschichte für Erwachsene
von Anita Rüesch
 

"Papa, komm! Es ist so schön. Komm doch auch mit mir auf die Rutschbahn!"

Der Vater liest die Tageszeitung. Er hebt seinen Kopf, schaut seinen Sohn Luki an, nickt ihm kurz zu und wendet sich wieder dem Zeitungsbericht zu. Ganz weit weg hört er Luki lachen und kreischen.

"Papa, komm doch auch!" versucht er seinen Vater nochmals zu erreichen.

Der Vater schaut auf und sieht seinem Sohn eine Weile zu. Er erinnert sich an seine Kindheit. Er liebte es, auf der Rutschbahn zu sausen. Auf dem Po, bäuchlings und rückwärts. Seine Mutter ermahnte ihn oft, er solle doch vorsichtiger sein. In seinen Bildern taucht etwas auf, das er schon lange vergessen hat. Er hatte immer einen Clown bei sich. Er tat keinen Schritt ohne den Clown. Mit der Zeit wurde er schmutzig und löchrig. Auch die Farben waren längst nicht mehr so leuchtend. Er liebte ihn trotzdem und konnte nicht ohne ihn sein.

Wo war er geblieben? Er denkt nach, lange nach. Er weiss nicht, wo er ihn das letzte Mal noch dabei hatte.

"Komm, es ist Zeit, wir müssen nach Hause!" ruft er plötzlich seinem Sohn zu. Nachdenklich nimmt er Luki an die Hand und sie spazieren nach Hause.

"Papa, bist du traurig?" fragt Luki, nachdem er ihn eine Weile von der Seite beobachtet hat. Sein Papa ist sowieso immer ernst, aber jetzt sieht er irgendwie anders aus.

"Nein, bin ich nicht" erwidert er und erzählt ihm die Geschichte vom Clown. "Und ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, wo ich ihn gelassen habe" beendet er seine Erzählung.

Luki denkt nach, wie er seinem Vater helfen könnte - und er hat eine Idee. "Frag doch Grossmutter. Sie ist doch deine Mutter. Vielleicht weiss sie etwas?"

Sie entschliessen sich, auf dem Nachhauseweg bei ihr vorbeizuschauen. Die Grossmutter freut sich über den Besuch. "Weisst du, wo der Clown geblieben ist, den ich immer bei mir hatte?" fragt er nach kurzer Aufklärung.

Die Mutter setzt sich, denkt lange nach, erinnert sich an den Clown, lächelt, schüttelt dann aber den Kopf: "Ich weiss es nicht. Vielleicht haben ihn dir die anderen Kinder weggenommen?"

Er denkt lange nach. Er wurde auf dem Schulhof und auf dem Heimweg oft gehänselt und geplagt. Er war eben eher schmächtig und hatte nicht so viel Kraft wie die anderen. Vielleicht waren sie`s, aber er weiss es nicht genau.

"Du hast den Clown oft auch in die Schule mitgenommen. Vielleicht haben ihn dir die Lehrer weggenommen?" fragt die Mutter helfend.

Er denkt an seine Schulzeit. Er war nicht gerade Klassenbester. Er schämte sich oft, wenn er wieder eine Prüfung mit einer schlechten Note zurück bekam. Er gab sich doch immer so viel Mühe, aber es ging nicht besser. Im Turnen lachten ihn die Lehrer oft aus. Er hatte eben nicht so viel Kraft wie die anderen. Er hat nicht viele schöne Erinnerungen an die Schulzeit. Aber ob ein Lehrer ihm den Clown weggenommen hatte, weiss er nicht genau.

Sie überlegen weiter. "Vielleicht hast du ihn weggeworfen, als du Natalie kennengelernt hast? Weisst du noch, deine erste grosse Liebe? Es wäre möglich, dass du ihn da hast verschwinden lassen, weil du nicht wolltest, dass sie denkt, du wärst noch ein Kind."

Wieder führen ihn seine Gedanken zurück an diese Zeit. Natalie war sehr schön und lieb und sie lachte viel. Ja, das war eine schöne Zeit - bis - ja, bis sie sich entschied, sie wolle jetzt mit Joachim zusammen sein. Der Joachim sah viel besser aus und hatte auch mehr Muskeln. Er verstand Natalie irgendwie. Aber es hatte sehr weh getan. Tagelang weinte er und verkroch sich in seinem Zimmer. Aber ob er wegen Natalie den Clown weggeworfen hatte, weiss er nicht genau.

Luki wird langsam unruhig. Die zwei Erwachsenen starren ständig Löcher in die Luft und sagen nicht viel. Er schaut zum Fenster raus. Jetzt regnet es auch noch - und wie! Er nimmt sich noch ein paar Kekse und wartet. Er merkt, dass das für seinen Papa wichtig ist.

Mutter und Sohn versuchen, sich zu erinnern. Resigniert schüttelt die Mutter den Kopf:"Es tut mir leid. Ich kann dir nicht helfen. Ich weiss es nicht mehr!"

Nachdenklich und mit einem tiefen Seufzer steht der Vater auf, nimmt seinen Sohn und sie verabschieden sich. Es regnet immer noch. Bis nach Hause ist es aber nicht mehr weit. Sie gehen einfach etwas schneller. Papa sagt nichts. Luki sieht, dass er denkt. Das tut er zwar fast immer, aber heute irgendwie anders.

Es hatten sich bereits Pfützen gebildet. Luki versucht, ganz unauffällig etwas stärker mit den Schuhen aufzutreten. Er sieht, es spritzt - auch ans Hosenbein von seinem Vater. Aber das ist Luki egal. Es macht ihm Spass. Papa merkt eh nichts. Luki spritzt weiter. Der untere Teil von Papas Hose ist schon ganz nass.

Genau bei der letzten Abbiegung passiert es. Papa verhängt sich mit dem rechten Schuh im linken schlabbernassen Hosenbein und stürzt platt in eine grosse Pfütze. Papa weiss gar nicht, wie ihm geschieht. Er ist in seinen Gedanken weit weg - beim Bild von seinem Clown. Alles geht sekundenschnell. Er spürt die Nässe, schaut direkt in die Pfütze und sieht darin genau seinen Clown. Sein Gesicht erhellt sich.

"Ich habe ihn gefunden!" ruft er freudig. Er schaut sich an, seine dreckig nassen Kleider, spürt das Wasser durch die Haare über sein Gesicht rinnen.

Er fängt an zu lachen, immer lauter.

Luki steht daneben - mit offenem Mund. Er versteht ihn nicht. Er sieht nirgends einen Clown. Er schaut seinen Vater an und es wird ihm ganz warm.

Er hat seinen Vater noch nie so lachen gehört...


Anmerkung zur Geschichte

Ich glaube, jeder Mensch wird mit einem Clown geboren. Diese Teilpersönlichkeit ist bei allen da. Sie ist nicht bei jedem Mensch gleich stark und doch hat jeder eine ähnliche Grundlage.

Die Frage ist nur:

Wieviel Raum gibst du dem Clown?

Wieviel Raum gibt dir die Umgebung, deinen Clown zu leben?

Wie reagieren die Geschwister, Eltern, Kameraden und Lehrpersonen, wenn du deinen Clown zeigst?

Sind die Reaktionen positiv, dann wird er einen grösseren Platz einräumen dürfen. Sind sie aber negativ, wirst du dein Verhalten ändern. Du wirst den Clown verlieren, vergessen, ihn dir wegnehmen lassen oder irgendwo zur Seite legen. Als Kind wirst du den Weg wählen, der zu diesem Zeitpunkt richtig ist.

Aber so, wie auch ich auf der Suche nach meiner Clownin bin, kann das jeder tun.

Mach dich auf die Suche, du wirst fündig !!!

 

Quellenangabe: www.humor.ch