Ergebnisse der Umfrage zu Homosexualität in der
Ev.-Ref. Landeskirche des Kantons AargauDie Kommission Gleichgeschlechtliche Lebensformen der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Aargau hat im September und Oktober 2001 eine offene schriftliche Umfrage unter Mitgliedern der Kirchgemeinden – vor allem angestellten und freiwilligen Mitarbeitenden – zu unterschiedlichen sexuellen Lebensausrichtungen und zur Meinung über kirchliche Segnungs- oder Trauungsfeiern für homosexuelle Paare durchgeführt.
Da die Umfrage schriftlich und nicht repräsentativ durchgeführt wurde, lässt sie zwar keine klaren Aussagen zu, gibt aber Hinweise darauf, dass auch in der Kirche und unter den in ihr tätigen Menschen mit einem Anteil von zwischen 5 und 10% homosexuell empfindenden Menschen zu rechnen ist, ähnlich wie in der übrigen Gesellschaft, dass diese aber zurückhaltender als an anderen Orten ihre sexuelle Orientierung offen legen. Die Meinungen der 440 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Umfrage richten sich überraschend deutlich gegen kirchliche Feiern für homosexuelle Paare, sei es in Form einer Trauung, die zu 80% abgelehnt wird, sei es als Segnungsfeier, die von 60% abgelehnt wird. Diese Zahlen stehen im Gegensatz zu den bisherigen Synodebeschlüssen, die die Gleichstellung homosexuell ausgerichteter Menschen in der Kirche verlangen.Medienmitteilung vom Montag, 15. April 2002
Mit 440 Antworten ist der Rücklauf der Fragebögen bedeutend höher, als die Kommission erwartet hatte. 158 Personen (36%), haben den Fragebogen aus der Mitarbeiterzeitung „a+o“ der Reformierten Aargauer Landeskirche benutzt, die alle angestellten, ehrenamtlichen und freiwilligen Mitarbeitenden in den Kirchgemeinden monatlich erhalten (gesamt ca. 2500). Die anderen 282 (64%) haben ein separates Formular ausgefüllt, den Fragebogen extra angefordert oder aus dem Internet heruntergeladen.
Wer hat geantwortet?Fast alle Antwortenden sind Mitglieder der reformierten Kirche, vermutlich weitgehend aus dem Kanton Aargau. Der etwas geringere Männeranteil von 46% verwundert nicht. Er ist eher hoch, da die ehrenamtlichen und freiwilligen Mitarbeitenden in den Kirchgemeinden zum grössten Teil Frauen sind. Ca. zwei Drittel der Antwortenden sind über 35 Jahre alt.
22% der Antwortenden haben angegeben, keine Funktion oder Tätigkeit in der Kirche auszuüben, also passive Mitglieder zu sein. Alle anderen (78%) sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kirchgemeinden. 30% sind angestellt oder im Auftrag der Kirchgemeinden tätig: Pfarramt 12.7%, Unterricht 4.5%, Kirchenmusik 4.1%, Sigristen 3.6%, Diakonische Mitarbeitende 3.4%, Jugendarbeit 2%. 23.6% der Antwortenden sind ehrenamtliche Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger, 24.1% freiwillige Mitarbeitende.
Homosexuell empfindende Menschen in der KircheAuf die Frage „Welche sexuelle Orientierung und Empfindung schreiben Sie sich selbst zu?“ haben 88% heterosexuell angekreuzt, 9% homosexuell (39 Antworten), 2% bisexuell (9 Antworten). 0,5% (2 Antworten) sind im Zweifel. Von denen, die homosexuell oder bisexuell angeben (zusammen 48 Personen), sind deutlich zwei Drittel Männer und nur ein Drittel Frauen. Betrachtet man die Verteilung in den verschiedenen Tätigkeits- oder Berufsgruppen, so bezeichnen sich im Durchschnitt 7,5% der kirchlichen Angestellten, 2% der Kirchenpflegemitglieder, 5% der freiwillig Mitarbeitenden und 26% der teilnehmenden Kirchenmitglieder ohne Funktion als homosexuell oder bisexuell. Noch einmal: Das ist nicht repräsentativ für die ganze Kirche. Es gilt nur für die Verteilung unter den 440 Antwortenden.
Von den 39 homosexuellen Antwortenden, haben 54% erklärt, dass sich ihre äussere Lebensform und ihre sexuelle Orientierung ganz und gar decken, bei 36% trifft dies nur teilweise zu. Bei 8% decken sie sich überhaupt nicht.
Zurückhaltung in der KircheSpannend war unter anderem die Frage, ob die Betroffenen ihre sexuelle Orientierung und Empfindung offen gelegt haben. Darauf haben 82% der 50 nicht heterosexuell Ausgerichteten mit ja (41 Personen), 14% mit nein, und 4% gar nicht geantwortet. Nur 12% der 41, die es offen gelegt haben, haben auch die Kirchgemeinde als Ort der Offenlegung angegeben neben Familie (90%), Freundeskreis (85%), berufliches Umfeld (35%).
Auffällig ist auch, dass der Anteil von ca. 60% der nicht heterosexuellen kirchlichen Angestellten und Kirchenpflegemitgliedern, die es überhaupt offen gelegt haben, deutlich unter dem allgemeinen Wert von 81% liegt. Es handelt sich hier aber nur um eine Basis von 13 Personen. Unter den freiwilligen Mitarbeitenden sind es dagegen 86% (Basis: 7 Antworten) unter den nicht Aktiven 89% (Basis: 28 Antworten).
Sehr erfreulich ist, dass 83% der Antwortenden gemäss eigenen Angaben bei ihrem Outing gute bis sehr gute Erfahrungen gemacht haben, nur 11% mittelmässige und 6% schlechte. Von den 41, die ihr Orientierung offen gelegt haben, beurteilten 36 ihre Erfahrungen dabei.
Segnung – ja oder nein?
Eine überraschend klare Ablehnung erfuhr die Frage „Finden Sie Segnungsfeiern für homosexuelle Paare wünschenswert?“ 65% sagten nein, nur 32% ja, 3% gaben keine Antwort. Lediglich die nicht heterosexuellen Personen unterstützen Segnungsfeiern klar mit über 90%. 73% aller anderen lehnen sie in dieser Umfrage ab. Bei den kirchlichen Mitarbeitenden fallen die Pfarrerinnen und Pfarrer auf, die mit 50% ja und 45% nein als einzige kirchliche Mitarbeitergruppe eine Segnung unterstützen. Die anderen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen zu zwischen 60 und 80% nein (Katecheten: 70% nein, Diakonische Mitarbeitende: 67% nein, Jugendarbeiter: 100% nein, Kirchenpflegemitglieder: 66% nein). Nur die einfachen Kirchenmitglieder haben diese harte Ablehnung mit nur 56% nein und 43% ja etwas entschärft.
Das steht im auffälligen Gegensatz zu den Abstimmungsbildern in der Synode. 1998 genehmigte die Synode mit grosser Mehrheit, „dass die homosexuelle Orientierung und Lebensform in Zweierpartnerschaft grundsätzlich mit der Übernahme eines kirchlichen Dienstes der Landeskirche vereinbar ist“ und dass eine Kommission das Thema weiter verfolgen und der Synode wieder vorlegen soll. Gleichzeitig hat die Synode aber auch beschlossen, dass „auf die Einführung einer Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare als in der Kirchenordnung verankerte kirchliche Amtshandlung vorläufig zu verzichten sei“. „Für die Durchführung von Segnungs- oder Fürbittegottesdiensten für homosexuelle Partnerschaften holt die Pfarrerin oder der Pfarrer die Einwilligung der ortsansässigen Kirchenpflege ein,“ hat die Synode damals entschieden.
Daraufhin wurde Anfang 1999 die „Kommission Gleichgeschlechtliche Lebensformen“ ins Leben gerufen, die neben vielen anderen Aufgaben, wie Grundlagenarbeit, Diskussionsanstösse, Sammeln und Erarbeiten von Liturgien für Feiern mit homosexuellen Paaren, die vorliegende offene Umfrage durchgeführt hat.
Trauung kommt nicht in Frage
Das entschiedene nein zu der Frage „Finden Sie Ehe / kirchliche Trauung für homosexuelle Paare wünschenswert?“ fiel noch deutlicher aus: 80% lehnen dies ab, nur 16% sagen ja und 4% geben keine Antwort. Das resultiert nicht nur aus der grösseren Ablehnung der Heterosexuellen mit 86% nein sondern auch durch die 39% Nein-Stimmen der Homosexuellen, die einer Trauung viel skeptischer gegenüber stehen als einer Segnung. In den Begründungen dieser Gruppe ist zu lesen, dass eine offizielle Trauung nicht sinnvoll sei, wenn sie (bisher noch) auf so starke gesellschaftlich bzw. öffentliche Ablehnung stosse. Unter diesen Voraussetzungen wollen viele erst gar nicht einen offiziellen Festakt.
Begründungen aus der Bibel
Schaut man die Beweggründe der 166 Personen (58% aller 287 Nein-Stimmen), die ihre Ablehnung separat begründet haben, an, so fällt auf, dass 101 oder 61% Gründe aus ihrer Sicht des christlichen Glaubens angegeben haben wie Stellen aus der Bibel, die Gebote und Gesetze des Alten Testaments oder ganz allgemein Gottes klarer Wille, der in diesen Schriften zum Ausdruck käme.
Das korrespondiert mit den Antworten einer anderen offenen Frage „Gibt es in Ihrer Kirchgemeinde andere Angebote, die Sie ansprechen?“, auf die 68 Personen von den 185 Nennungen Veranstaltungen notiert haben, die eher evangelikaler Natur sind wie Alpha-Kurs, Gebetsgruppe, Bibelkreis, Lobgottesdienste (sehr häufig!). Das sind 37% aller Nennungen bzw. 16% aller Antwortenden.
Die Kommission für gleichgeschlechtliche Lebensformen wird nun die Umfrage weiter auswerten und die Konsequenzen für ihre weitere Arbeit ziehen. Bis Ende 2002 möchte ihr Präsident, Pfarrer Lukas Baumann, dem Aargauer Kirchenrat den Schlussbericht der dreijährigen Tätigkeit der Kommission vorlegen.
Für weitere Auskünfte stehen zur Verfügung:
Pfr. Lukas Baumann, Hochdorf, Präsident der Kommission: Tel. 041 911 06 87
Rosmarie Wipf, Kommissionsmitglied: Tel. 062 824 03 13
der Theologische Sekretär Patrik Müller: Tel. 062 838 00 12
der Informationsbeauftragte Frank Worbs: Tel. 062 838 00 18 (079 444 97 82)
16.04.2002, ria / F.Worbs
Quellenangabe: www.ref-ag.ch