Die Legende vom lachenden Engel
Eines Tages wollte der Liebe Gott wieder mal mit all seinen Engeln zusammensein. Er besprach diese Idee mit dem Erzengel Gabriel, der ja bekanntlich für Botendienste zuständig ist und bat ihn, alle Engel darüber zu informieren, damit dann auch alle pünktlich am vereinbarten Treffpunkt wären. Nur die Schutzengel sollten auf ihren Posten bleiben und aufpassen, vor allem die Kinderschutzengel. Als Ausgleich schickte der Liebe Gott durch Gabriel den Schutzengeln einen besonders herzlichen Gruß und seinen Segen.
Zum angesetzten Zeitpunkt kamen alle Engel im himmlischen Paradies zusammen. Es war wunderschön, mal wieder zusammenzusein. Viele Engel, die sich zum Teil seit Jahrmillionen nicht mehr gesehen hatten, konnten einander viel erzählen. Aber was sind schon Jahrmillionen für Engel! Sie vermißten natürlich die Schutzengel, aber sie lobten Gott dafür, daß seine Liebe den Menschen keinen Augenblick allein lassen wollte. Und alle freuten sich riesig, daß sie wieder mal ganz nah bei Gott sein durften. Dann war erwartungsvolles Schweigen, denn gleich sollte der Liebe Gott kommen, und bevor er sich dann unter sie mischte und einen ganzen himmlischen Tag mit ihnen verbringen wollte, würde er noch zu ihnen allen sprechen.
Da kam er durch das Tor des Paradieses. Ein unbeschreiblicher Jubel brandete hoch, und eine ganze Reihe junger Engel tanzte und hüpfte vor Freude um den Lieben Gott. Der lächelte freundlich und grüßte nach allen Seiten und hob schließlich die Arme. Langsam ebbte das Klatschen und Jubeln ab, und es wurde ganz still. So still, daß auch bis in die letzte Ecke des himmlischen Paradieses zu hören war, daß ein Engel lachte. Es hört sich wunderschön an, so ein Engelslachen, ganz wie aus Silber. Aber in dem Augenblick waren die Engel doch erschrocken, daß einer von ihnen zu lachen wagte, wo doch der Liebe Gott jetzt zu ihnen sprechen wollte. Einige, die in der Nähe standen, stupsten den lachenden Engel an und zischten ihm zu, er möge sich doch gefälligst beherrschen und ruhig sein. Der Liebe Gott lächelte und schwieg noch einen Augenblick, damit sich der Lacher beruhigen konnte.
Aber der lachende Engel hörte nicht auf. Immer wieder brach sein silbernes Lachen aus ihm heraus, und das war so ansteckend, daß nacheinander die anderen Engel in das Lachen einstimmten. Am längsten hielten die Erzengel durch. Aber auch sie brachten ihr "Hoho" und "Hihi" heraus, wenn sie es auch hinter der vorgehaltenen Hand zu verbergen suchten. Der Liebe Gott war übrigens einer der ersten gewesen, der mitgelacht hatte. Richtig laut und herzlich.
Nach einer Weile beruhigte sich das Gelächter ein wenig, und der Liebe Gott bat den Engel, der mit dem Lachen angefangen hatte zu sich. Der Liebe Gott setzte sich auf den weichen Rasen und zog den Engel neben sich. Mit einer Handbewegung bat er die anderen Engel, es sich auch bequem zu machen. "Nun sag’ doch mal, mein lieber kleiner Freund, was dich so zum Lachen bringt", fragte der Liebe Gott. Immer noch ab und zu ein wenig glucksend kuschelte sich der Engel an die Schulter des Lieben Gottes, und der legte ihm seinen Arm und die Schulter. "Weißt du, Lieber Gott, du bist so mächtig! Du hast alles geschaffen, auch uns. Du stehst so hoch über uns, daß ich mich eigentlich vor Ehrfurcht im Boden verkriechen müßte. Das alles läßt mich auch vor Ehrfurcht erbeben und dich anbeten. Aber über alles spüre ich deine Liebe zu mir, zu uns, zu den Menschen, zur ganzen Schöpfung. Und das macht mich so froh und glücklich, daß ich vor Freude immer wieder lachen muß. Ich hab dich ja sooo lieb!" Und damit drückte der Engel dem Lieben Gott einen Kuß auf die Wange. Der liebe Gott lächelte und drückte seinen Engel ganz fest an sich.
"Damit hast du mir eine große Freude gemacht", sagte der Liebe Gott, "und du hast das, was ich euch allen sagen wollte, fast so gut gesagt wie ich. Deswegen habe ich auch zwei besondere Aufträge für dich, wenn du willst." - "Alles, was du willst", sagte der kleine Engel und hörte gut zu. "Nun", sagte der Liebe Gott, "du sollst zur Weihnacht der Bote sein, der den Hirten auf dem Feld stellvertretend für alle Menschen die große Freude von der Geburt Jesu verkündet. Und du sollst immer wieder zu den Menschen gehen, die in Dunkel, Angst und Trauer sind und ihnen das Licht meiner Freude und meiner Liebe bringen. Stecke sie an mit deinem Lachen, damit es wieder hell und froh wird um sie!"
Kerzengerade fuhr der Engel hoch und fragte staunend: "Das darf ich tun? Das vertraust du mir an? Oh, wie glücklich bin ich!" und der Engel nahm den Lieben Gott ganz fest in seine Arme. "Sei aber nicht enttäuscht", fuhr der Liebe Gott fort, "wenn du die Menschen mit deiner Freude nicht immer anstecken kannst. Du wirst es in ihnen nur dann hell machen können, wenn du ihre Herzen erreichst, und das ist gar nicht immer leicht. Und manche Menschen wollen das nicht. Aber gib nicht auf. Meine Liebe geht mit dir."
Und seitdem geschieht es immer wieder, daß Menschen Trost finden, oder Angst und Leid überwinden im Gedanken an die Liebe Gottes. Und manchmal, wenn man ganz genau hinhört, ist ganz leise ein silberhelles Lachen zu hören.
Autor unbekannt