Nasrudin-Geschichten
Auswahl der Texte: Max Gasser

 

  

Im Orient wollte einst ein König seinen Untertanen eine Freude bereiten und brachte ihnen, die keine Uhr kannten, von einer Reise eine Sonnenuhr mit. Sein Geschenk veränderte das Leben der Menschen im Reich. Sie begannen die Tageszeiten zu unterscheiden und ihre Zeit einzuteilen. Sie wurden pünktlicher, ordentlicher, zuverlässiger und fleissiger und brachten es zu einem grossen Reichtum und Wohlstand. Als der König starb überlegten sich die Untertanen, wie sie die Verdienste des Verstorbenen würdigen könnten. Und weil die Sonnenuhr das" Symbol für die Gnade des Königs und die Ursache des Erfolges der Bürger war, beschlossen sie, um die Sonnenuhr einen prachtvollen Tempel mit goldenem Kuppeldach zu bauen. Doch als der Tempel vollendet war und sich die Kuppel über die Sonnenuhr wölbte, erreichten die Sonnenstrahlen die Uhr nicht mehr. Der Schatten, der den Bürgern die Zeit gezeigt hatte, war verschwunden, der gemeinsame Orientierungspunkt, die Sonnenuhr, verdeckt. Der eine Bürger war nicht mehr pünktlich, der andere nicht mehr zuverlässig, der dritte nicht mehr fleissig. Jeder ging seinen Weg. Das Königreich zerfiel.

 

Nasrudin und ein Freund wanderten eine staubige Strasse entlang und wurden sehr durstig. Sie machten bei einem Teehaus halt und stellten fest, dass sie zusammen gerade noch genug Geld hatten, um ein Glas Milch zu kaufen. Der Freund sagte: »Trink Du Deine Hälfte zuerst, ich habe noch eine Prise Zucker, die ich in meinen Anteil hineintun will.« »Gib ihn jetzt hinein, Bruder, sodass wir beide etwas davon haben«, sagte Nasrudin.
»Nein, es ist nicht genug, um ein ganzes Glas zu süssen.«
Nasrudin ging in die Küche und kam mit einem Salzstreuer zurück. »Gute Nachricht, Freund. Ich trinke meine Hälfte mit Salz. Und es ist genug für das ganze Glas da.«


 

Nasrudin geht zur Bank, um einen Scheck einzulösen.
"Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen?" fragt der Bankangestellte. Nasrudin sieht ihn verständnislos an.
"Ich brauche eine zweifelsfreie Identifizierung", erklärt der Angestellte. "Oh, kein Problem", antwortet Nasrudin, greift in die Tasche, holt einen Spiegel heraus, schaut hinein und sagt: "Ja, kein Zweifel, ich bin es."

 

Nach einer langen Reise fand Nasrudin sich mitten im mahlenden Menschengedränge von Bagdad. Es war die grösste Stadt, die er je gesehen hatte, und die durch die Strassen strömende Menschenmenge verwirrte ihn. "Ich möchte wissen, wie es die Leute machen, um sich hier nicht selbst zu verlieren und überhaupt noch zu wissen wer sie sind", so grübelte er. Dann dachte er: "Ich muss mich gut an mich erinnern, sonst gehe ich mir womöglich verloren." Er eilte in eine Karawanserei. Ein Spassvogel sass auf einem Bette neben dem, das man Nasrudin zugewiesen hatte. Nasrudin wollte ein Schläfchen halten, aber er hatte eine Schwierigkeit: Wie sollte er sich wieder finden, wenn er aufwachte? Er vertraute sich seinem Nachbarn an. "Ganz einfach", sagte der Spassvogel, "hier ist ein aufgeblasener Ballon. Binde ihn an deinem Bein fest und lege dich schlafen. Wenn du aufwachst, schaue dich nach dem Mann mit dem Ballon um, und der bist du."
"Grossartige Idee!" sagte Nasrudin. Ein paar Stunden später wachte Nasrudin auf. Er schaute sich nach dem Ballon um und entdeckte ihn am Bein des Spassvogels. "Da bin ich ja!" dachte er. Dann aber trommelte er den anderen Mann in wahnsinniger Angst aus dem Schlaf. Der Mann erwachte und fragte, was los sei. "Es ist geschehen, was ich befürchtete." Nasrudin zeigte auf den Ballon: "Wegen des Ballons kann ich sagen, dass du ich bist. Aber - wenn du ich bist - wer, um Gottes willen, bin denn ich?"

 

Du, ich höre unten im Haus einen Einbrecher«, flüsterte die Frau des Geistlichen Nasrudins eines Nachts. »Pssst! Kein Geräusch«, flüsterte er zurück. »Wir haben nichts, das er stehlen könnte. Aber wenn wir Glück haben, lässt er vielleicht etwas zurück.

 

An Markttagen stand Nasrudin häufig auf der Gasse und machte sich zum Narren: So oft ihm Leute ein großes und ein kleines Geldstück anboten, nahm er jedes Mal das kleinere. Eines Tages sagte ein wohlmeinender Mann zu ihm: „Nasrudin, du solltest die größere Münze nehmen. Dann wirst du mehr Geld besitzen, und die Leute haben nicht länger Gelegenheit, sich über dich lustig zu machen.“ „Das mag stimmen“, sagte Nasrudin, „aber wenn ich stets die größere nehme, werden die Leute aufhören, mir Geld zu geben. Denn sie tun es ja nur, um zu beweisen, daß ich verrückter bin als sie. Und dann würde ich überhaupt kein Geld mehr haben.“

 

Nasrudin wanderte eines Tages eine verlassene Strasse entlang. Die Nacht brach gerade herein, als er einen Trupp Reiter erspähte, der ihm entgegenkam. Seine Phantasie begann zu spielen: er befürchtete, die Reiter könnten ihn ausrauben oder in die Armee zwangsverpflichten. Seine Angst wurde so gross, dass er über eine Mauer sprang und sich auf einem Friedhof wieder fand.
Die anderen Reisenden jedoch, der von Nasrudin unterstellten Absichten völlig unverdächtig, wurden neugierig und folgten ihm. Als sie ihn fanden, lag er regungslos am Boden. Einer der Reiter fragte: »Können wir Ihnen helfen - warum befinden Sie sich in dieser misslichen Lage?« Nasrudin erkannte, dass er sich geirrt hatte, und entgegnete: »Das ist schwerer zu erklären, als Sie annehmen. Sehen Sie, ich bin hier Ihretwegen - und Sie sind meinetwegen hier.

 

Nasrudin fühlte sich nicht besonders wohl und rief nach einem Arzt. "Ich verschreibe dir ein Abführmittel", sagte der Arzt nach zwei Minuten Diagnose. "Ich hätte gerne eine zweite Diagnose, sagte Nasrudin. "Wir müssen wohl operieren, trag es wie ein Mann, Nasrudin", sagte der zweite Arzt. "Ruf noch einen Doktor", verlangte Nasrudin. "Das einzige, was hier hilft, ist eine intensive Massage", meinte der dritte Arzt. "Ah, jetzt sehe ich schon klarer", sagte Nasrudin. "Ein Drittel einer Operation, ein Drittel einer Dosis Abführmittel und dazu ein Drittel einer guten Massage. Das wird mich sicherlich wieder auf die Beine bringen!"

 

Als Nasrudin Friedensrichter war, brachte eine Frau ihren Sohn zu ihm. »Dieser Junge, «sagte sie, »isst zu viel Zucker. Ich kann es mir nicht leisten, ihm ständig so viel zu geben. Ich bitte Euch deshalb, ihm offiziell zu verbieten, so viel zu essen; mir will er nicht gehorchen.« Nasrudin sagte ihr, sie solle in sieben Tagen wiederkommen. Als sie wiederkam, verschob er seine Entscheidung um eine weitere Woche. »Jetzt «,sagte er dann zu dem Jungen, »verbiete ich dir, mehr als soundsoviel Zucker pro Tag zu essen.« Die Frau fragte ihn daraufhin, warum er so lange Zeit gebraucht hatte, um eine so einfache Anordnung treffen zu können »Sehen Sie, meine Dame, ich musste erst heraus finden, ob ich selbst meinen Verbrauch an Zucker einschränken kann, bevor ich es jemand anderem befehle.

 

Eines Tages wollten die Dorfbewohner sich mit Nasrudin einen Spaß machen. Da man ihn für einen heiligen Mann, wenn gleich von nicht recht verständlicher Art, hielt, gingen sie zu ihm mit der Bitte, er möge bei ihnen eine Predigt halten.
Als der Tag kam, bestieg Nasrudin die Kanzel und sagte: ,,0 Leute! Wißt ihr, was ich euch erzählen werde?" "Nein, wir wissen es nicht", riefen sie. "Ehe ihr es nicht wißt, kann ich es auch nicht sagen. Ihr seid zu unwissend, als daß ich damit anfangen kann", sagte der Geistliche, übermannt von Entrüstung über so unwissende Leute, die ihm seine Zeit stahlen. Er stieg von der Kanzel und ging heim.
Leicht verärgert ging eine Abordnung wieder zu seinem Hause und bat ihn, am kommenden Freitag, dem Tag des Gebetes, zu predigen. Nasrudin begann seine Predigt mit derselben Frage wie beim vorigen Mal. Diesmal antwortete die Versammlung wie aus einem Munde: "Ja, wir wissen es!" "In diesem Fall", sagte der Geistliche, "besteht für mich keine Notwendigkeit, euch länger aufzuhalten. Ihr könnt gehen." Und er kehrte heim.
Nachdem man ihn bewegt hatte, auch am dritten, darauf folgenden Freitag zu predigen, begann er seine Ansprache wie zuvor: "Wißt ihr es oder wißt ihr es nicht?" Die Versammlung war darauf gefaßt. "Einige von uns wissen es, andere nicht."
"Ausgezeichnet!" sagte Nasrudin. "Dann laßt diejenigen, die es wissen, ihr Wissen denen mitteilen, die es nicht wissen." Und ging nach Hause.

 

Ein Mönch tritt in ein Teehaus ein und verkündet »Mein Meister hat mich gelehrt zu verbreiten, dass die Menschheit so lange nicht das Stadium der Vollkommenheit erreichen wird, bis derjenige, dem kein Unrecht geschah, über ein Unrecht genauso empört ist, wie derjenige, dem Unrecht geschah.« Für einen Augenblick ist die ganze Versammlung beeindruckt. 
Dann spricht Nasrudin: »Mein Lehrer lehrte mich, dass überhaupt niemand über irgend etwas empört sein sollte, ehe er nicht sicher ist, dass das vermeintliche Übel auch tatsächlich ein Übel ist - und nicht eine verkleidete Segnung!«

 

 

 

 

Biografisches
Die europäischen Hofnarren aus dem Mittelalter durchschauten Schein und Heuchelei: Sie genossen die dichterische Freiheit, die Dinge, so wie sie waren, ohne Verschleierung, darzustellen. Die "heiligen Narren" nannte man die "Narren um Christi Willen", wie St. Symeon von Eemesa von der Osterkirche. Auch Sufis, wie den legendären Mulla Nasruddin nannte man so, oder historische Zenbilderstürmer wie die chinesischen Vagabundendichter Han Shan und Shih-te und andere Zenmeister von der spirituellen Sippe der indischen und tibetischen Siddhas. Wie berauscht von verrückter Weisheit, paßten sich unorthodoxe, spirituelle Meister mit ihrem spontanen und oft unflätigen Verhalten selten an die materialistischen Werte und dürren Schicklichkeiten achtbarer bürgerlicher Gesellschaft an. Mein erster Sufilehrer Rashad Field erzählte gerne Geschichten über den großen weisen Narren des Mittleren Ostens, Mullah Nasrudin:
´Der Mulla saß einmal auf dem Boden in der Nähe eines Verkäufers und aß rote, scharfe Chilipfefferschoten. Dabei verzog er unaufhörlich zuckend sein Gesicht, als würde jede wie heiße Lava die Zunge entlang und die Kehle hinunterfegen. Die Augen tränend und das Gesicht verzogen, aß Nasrudin eine nach der anderen, Schote um um Schote. Schließlich kam einer seiner Nachbarn vorbei und fragte den Mullah, warum er dies denn täte, wenn er doch so offensichtlich darunter litt. Nasrudin antwortete freundlich: "Ich suche eine süße."
Mein Lehrer Rashad schloß die Geschichte mit dem Satz: "Ist das nicht wie unser Leben?"

 

Nasreddin Hodja ist ein weiser und berühmter Türke, der im 13. Jahrhundert gelebt hat. Der genaue Zeitpunkt wann er lebte ist unklar,  doch mit aller Wahrscheinlichkeit wurde er um das Jahr 1208 in der Nähe Sivrihisar in einem Dorf namens Hortu, geboren. Sein Vater war der Vorbeter ( Imam ) im Dorf.  Lesen und schreiben lernte er von seinem Vater und ging dann nach Konya  (Ikonium) um weiter zu studieren. Dort besuchte er eine Medrese, eine Schule für geistliche und richterliche Ausbildung dient. Nachdem Nasreddin sein Schulabschluß absolviert hatte, kehrte er in sein Dorf zurück und wurde Vorbeter.  Später wurde er durch seinen Lehrer S. Mahmud Hayrani nach Aksehir (Philomelion) gerufen. Er ließ sich dort im Jahre 1237 mit seiner Frau und Tochter nieder. Durch die Erzählungen über ihn vermuten wir, daß Nasreddin Hodja dort verschiedene Tätigkeiten ausgeübt hat, wie zum Beispiel Vorbeter, Richter, Schullehrer oder Bazar-Händler.  Der Hodja starb im Jahre 1284 in Aksehir. Es wurde dort für ihn ein Mouseleum errichtet.
Nasreddin war ein witziger , intelligenter, kenntnisreicher, toleranter, unterhaltsamer und schlagfertiger Mensch. Obwohl er keinesfalls ein unwissender, lügnerischer  oder diebischer Mensch war, in seinen Geschichten aber übernahm er manchmal diese Rollen, um solche Taten in der Gegenwart vor anderen Menschen lächerlich zu machen.
Er war auch kein reicher Mann. Aus manchen Quellen erfuhren wir,d aß der Hodja sich in seinen Lebzeiten in den Städten Afyon ( Akroniom), Bolvadin (Polybotum), Emirdag (Amorium), Sivrihisar, Ishakli, Bursa ( Brussa ) und Konya (Ikonium), aufgehalten hat.
Jahrhundertelang haben die Völker in der Türkei, in den Balkanländer in Kaukasien, im Nahen Osten und in Zentralasien über seine Witze bedacht und gelacht.  Jedes Jahr im Juni wird in Aksehir  "Nasreddin Hodja's Festlichkeiten" veranstaltet.

 Nasrudin ist bekannt von Afghanistan über China bis nach Turkmenien und Uzbekistan. In jedem Land schreibt sich der Name Nasrudin anders.
 

Mullah Nasruddin   Afganistan
Nasredin Hoxha        Albanien
Mulla Nasrudin           Arabien
Molla Nasreddin     Azerbaijan
Nasruddin Khoja        Bosnien
Mulla Nasrudin          Portugal
Nastradin Hoca        Bulgarien
Afandi                          China
Nasreddin Hodja        England
Nasr Eddin Hodja   Frankreich
Nasreddin Hodscha    Deutsch
Nastradhin Chotzas  Griechen
Nasreddin Hoja    Kazakhstan
Nasreddin Afandi    Kirgizstan
Nasreddin Hogia          Italien
Stradin Hoca       Makedonien
Maulana Nasruddin   Malaysia
Molla Nesiruddin      Pakistan
Mulla Nasruddin         Persien
Hodza Nasredin            Polen
Nastratin Hogea
     Rumänien
Hodja Nasreddine    Russland
Nasruddin Hodza Serbo-Kroat
Nasreddin Hodja        Spanien
Nasreddin Hoca           Türkei
Nasreddin Ependi Turkmenien
Khodja Nasreddin  Uzbekistan

Quelle: © 1997-2001 Erol Beymen