Von Träumern

"Einmal träumte der arme und bedürftige Rabbi Eisig ben Jekel aus Krakau, dass er nach Prag gehen und dort unter der Brücke, die zum Königspalast führt, graben soll, weil dort für ihn ein grosser Schatz bewahrt sei. Er ging zu Fuss in die böhmische Hauptstadt.
Als er bei der Brücke angelangt war, sah er dort einen Polizisten auf und ab gehen. In seiner Gegenwart fürchtete er, mit dem Graben zu beginnen. Als der Polizist ihn einige Tage auf derselben Stelle herumstreichen sah, hegte er Verdacht und fragte ihn nach dem Grund seines Verhaltens. Der Rabbi erzählte ihm seinen Traum.
Da antwortete ihm der Polizist lachend: "Du bist also wegen eines Traumes einen so weiten Weg gegangen?! Das ist also das Los der Leute, die an Träume glauben. Wenn ich solchen Träumen Glauben schenken würde, müsste ich mich schon längst auf die Beine machen, weil mir in meinem Traum geraten wurde, nach der Stadt Krakau zu gehen, in das Haus eines Juden namens Eisig ben Jekel einzutreten, unter dem Ofen zu graben und dort einen teuren Schatz hervorzuholen. Eisig ben Jekel! Ist das eine genaue Angabe? Die Hälfte der Juden jener Stadt heissen Eisig und die andere Hälfte Jekel. Ich hätte also alle Häuser jener Stadt niederreissen müssen". So sprach der Polizist und hörte nicht auf zu lachen. Eisig ben Jekel verabschiedete sich von dem Polizisten, eilte nach Hause, grub eine tiefe Grube unter seinem Ofen und hob einen wertvollen Schatz."


Eine eigenartige Geschichte, die uns vom Rabbi erzählt wird. Wenn er doch schon träumt, es sei ein Schatz für ihn bestimmt, wieso liefert ihm der Traum den richtigen Ort nicht gleich mit? Wozu der Umweg über die andere Stadt und zu einem anderen "Träumer"?

Der Polizist hat den richtigen Ort geträumt - schenkt seinem Traum aber keinen Glauben. Und ob unter der Brücke des Königspalastes nun tatsächlich ein Schatz vergraben liegt, dieses Geheimnis wurde bis heute nicht gelüftet. Ob der eine korrekte Eingebungen und der andere mangelhafte hat oder ob der eine seinen Träumen vertraut und der andere nicht: am Ende findet der einen Schatz, der seinem Traum folgend aufbricht, dem Mitmenschen ein wahres Wort unterstellt und die Möglichkeit zur Umkehr rechtzeitig erfasst.

Busse bedeutet eigentlich Umkehr. So hiesse der Buss- und Bettag korrekterweise Eidgenössischer Dank- , Umkehr- und Bettag.
Zum Bet- und Umkehrtag also wünsche ich uns allen, dass wir träumerisch beten, dass wir uns von anderen Träumern etwas sagen lassen, und dass wir umkehren zu unseren verborgenen Schätzen. Sie liegen oft näher als wir denken.

Bruno Amatruda

 

Quellenangabe:
http://www.refhoengg.ch/seiten/08archiv/08leit01.html#traeume
Leitartikel vom 7. September 2001