Auf dem Sterbelager

von

Kurt Kusenberg

Es war so weit. Der alte, reiche Herr Wartenau lag auf dem Sterbebett, und der Saal, in dem man es aufgerichtet hatte, war angefüllt mit Menschen, die ihm den Abschied gaben.

Herr Wartenau wusste nicht, wie lange er schon im Sterben lag. Er dämmerte vor sich hin und schlief mitunter tief ein. Wenn er wieder zu sich kam, blieb ihm verborgen, wie lange er geschlummert hatte: Minuten oder Stunden oder gar einen halben Tag. Er besass kein rechtes Gefühl mehr für die Zeit, und er bedurfte dessen auch nicht, denn er näherte sich einem Zustand, der aller Zeit entrückt ist. Verdriesslich war sein langsames Sterben nur für die Anderen.

„Nie habe ich“, dachte Herr Wartenau, „eine frische Feige gegessen, noch warm von der Sonne, nie einen gebackenen Igel, wie die Zigeuner es tun. Nie habe ich ein Korallenriff gesehen, nie einen Schwertfisch, nie ein neugeborenes Maultier.“ Der Gedanke an das Verpasste machte ihn traurig und spann sich fort. „Vielleicht“, sann er vor sich hin, „hätte ich Männer lieben sollen und nicht Frauen“.

 

Auf ein Zeichen seines ältesten Sohnes stimmten die Klageweiber ihren Gesang an. Er blinzelte aus den Augenwinkeln zu ihnen hinüber. „Zwei von ihnen“, dachte er, „habe ich einst geschwängert. Aber damals waren sie noch ansehnlich – das glaubt mir heute keiner.“

 

Er richtete den Blick auf sein abgelaufenes Leben und bedachte, ob es denn sinnvoll gewesen sei. „Fest“, überlegte er, „stand eigentlich nur der Tod, und der kommt jetzt auf mich zu. Alles andere war zufällig. Als ich mir den linken Arm brach, hätte es ebenso gut der rechte sein können – oder das Genick.“

 

Jetzt sangen die Greise, auch sie bezahlte Leute, das grosse Sterbelied. Ihre zittrigen Stimmen missfielen ihm. „Genug!“ flüsterte er, und sein ältester Sohn winkte ab. Die Greise verstummten, beleidigt, denn wenn sie schon Geld bekamen, wollten sie sich auch vernehmen lassen. Im Grunde mochte niemand sie hören; zwar hiess es, ihr Jammerchor treibe das Sterben voran, doch dessen war man nicht sicher.

 

Herr Wartenau schlief wieder ein. Er erwachte von einem scharfen Geruch, der ihm in die Nase stach. „Sie verbrennen Wacholder“, dachte er, „weil das billiger ist als Sandelholz. Und dabei hinterlasse ich wahrlich viel.“ Er fragte sich, ob er zeitlebens seine Taten gewollt oder ob er ohne sein Wissen fremde Befehle ausgeführt habe, doch es war nicht auszumachen. „Du hast getan, was ich dir eingab“, sagte jemand. Herr Wartenau öffnete die Augen und sah vor sich einen dünnen Mann, den er nicht kannte. Der Mann war durchsichtig – er hätte so, wie er stand, den Blick auf die Klageweiber verdecken müssen, aber Herr Wartenau sah sie ganz genau.

Was der Dünne da für sich in Anspruch nahm, verdross den Sterbenden. „Ich glaube dir nicht“, sagte er. „Meine Geschäfte habe ich allein ausgedacht, und meine Vorliebe für Tomaten kam aus mir selbst.“ Der dünne Mann lachte. „Ich esse“, sprach er, „nichts als Tomaten. Auch das stammt von mir.“

 

„Einen Schnaps!“ rief Herr Wartenau. Seine älteste Tochter schenkte ihm ein Gläschen ein. „Dein letztes!“ flüsterte sie, halb mitleidig, halb streng. Herr Wartenau trank das Glas aus und siehe: der dünne Mann war verschwunden.

 

Herr Wartenau richtete sich ein wenig auf. „Wo ist der Notar?“ fragte er. „Ich will mein Testament ändern.“

„Nein!“ schrien die Erben. „Das geht nicht mehr. Du segnest bereits das Zeitliche.“

„Lasst ihn doch!“ riefen Alle, die bislang kein Erbe erhofft hatten. „Vielleicht ist sein Kopf jetzt besonders klar.“

 

Der älteste Sohn nickte dem Kapellmeister zu, und der Mann verstand sofort. „Nummer sechs!“ rief er und hob den Taktstock. Da spielten sie den lautesten aller Totenmärsche, jenen dumpfen, stossenden, der die Bassgeiger und Paukenschläger in Schweiss brachte. Herr Wartenau wusste, wie töricht die Erben mit seinem Geld umgehen würden, er kannte ihre nichtigen Gelüste. „Meinetwegen“, dachte er und beschied sich. Es war niemand im Saal, dem er Verstand zugetraut hätte, auch Jenen nicht, die leer ausgingen.

 

„Ich sterbe“, dachte Herr Wartenau, „ohne zu wissen, wie einem Mörder zu Mute ist. Ich hätte, dieser Erfahrung halber, jemanden umbringen sollen, doch nun kann ich es nicht mehr.“ Indem er dies dachte, fiel ihm bei, dass er sein Leben lang immer geträumt hatte, er habe einen Menschen erschlagen. Und immer hatte er nach dem Erwachen sich mühselig überzeugen müssen, dass keine Schuld auf ihm laste. Er wusste also, wie einem Mörder zu Mute ist. „Seltsam“, dachte er, „dass ich es vergessen konnte.“

 

Die Musiker spielten jetzt ein Stück für Flöten, Harfen und Ratschen. Mitten in diese Instrumente pflegte man, damit das Sterben rascher vonstatten gehe, ein Totenglöckchen läuten zu lassen. Es half nicht immer, aber es half oft, und auch Herr Wartenau erlag der Aufmunterung. Er starb ein bisschen, nur ein ganz kleines bisschen, und nur für kurze Zeit.

 

Er schwamm durch die Luft und drang durch Gestein, er war ein Tropfen Wasser, ein Kristall, eine Alge, er wurde gestreckt, gefaltet, gepresst, geweitet, er verspürte eine schmerzliche Klarheit und eine wohlige Eintrübung, er war ein Igel, den man auf einem Holzfeuer röstete, aber auch eine Dirne, die sich niemandem verweigern durfte. Er sah etwas, das einem Nordlicht glich, er hatte die Empfindung, dass er sich allem entziehen könne und alles hinnehmen müsse, er war ein Wanderer in den Gebirgen der Tiefsee, er verging wie Reisigfeuer – und wachte wieder auf.

 

Als er in die Runde blickte, las er aus den Gesichtern, dass man ihn aufgegeben hatte und nun enttäuscht war. „Zu früh gefreut!“ dachte er. „In China verehrt man nichts höher als einen alten, weisen Mann. In anderen Gegenden schickt man alte Männer auf hohe Bäume und schüttelt sie herunter wie Rosskastanien – oder man wirft sie den Krokodilen vor. Hier ist es nicht viel anders.“

 

Dass Herr Wartenau alt war, stand ausser Frage. Fraglich blieb nur, ob er auch weise sei und in China verehrt worden wäre. Da ihm Zweifel kamen, verlangte er abermals, mit fester Stimme, einen Schnaps.

Dieses Mal reichte seine jüngste Tochter ihm das Glas. „Dein letztes!“ flüsterte auch sie. „Es ist Gift für dich.“

 

„Eurer Ungeduld“, dachte Herr Wartenau, „kann das wohl nur recht sein.“ Im übrigen wusste er, dass Schnaps ihm keinen Schaden tat. Wie gesund Gifte sind, hatte er schon in jungen Jahren entdeckt und danach gelebt. Er hatte sich, zu seinem Vorteil, nie geschont, und es war ihm gut bekommen. Was also sollte das läppische Gerede?

 

Als das nächste Musikstück anhub, eines für Trompete und Trommeln, erlosch das Licht im Saal. Herr Wartenau wusste, was dies bedeutete: nichts anderes nämlich, als dass man, des langen Wartens überdrüssig ein Ende machen wollte. Irgendeiner unter den Trauergästen würde ihn erwürgen, erstechen oder erschlagen, zur Erleichterung Aller, die hier unnütz ihre Zeit vertaten. Herr Wartenau zauderte nicht lange. Er rollte von seinem Sterbelager herab und kroch unter das hochbeinige Möbel. Gleich darauf hörte er über sich ein dumpfes Getümmel, auch Schmerzensschreie, als habe Einer den Anderen verletzt.

 

Bei den letzten Takten des Musikstückes wurde es wieder hell im Saal. Jeder befand sich an seinem Platz – sogar Jene, die sich so eifrig hervorgetan hatten. Herr Wartenau kroch unterm Sterbelager hervor, richtete sich auf, schenkte sich selbst einen Schnaps ein und schickte sie alle, wie sie da standen, nach Hause.

 

Er lebte noch elf Jahre und lebte so gut, dass er fast nichts hinterliess, als er wirklich starb.