Der Schutzengel
von Matthias Franz
Es war stockdunkel, als sich Pius auf dem Heimweg befand. Auf der Party, auf der er soeben noch gewesen war, hatte er sich vollaufen lassen. Er hatte so viel Bier zu sich genommen, dass er kaum noch imstande war, mit dem Fahrrad zu fahren. Sein Kopf dröhnte bereits und kündigte einen schlimmen Kater an. Alles um ihn herum drehte sich. Zu dem Suff kam die Müdigkeit. Er konnte die Augen nur noch mit allergrösster Not offen halten. Schon jetzt freute er sich auf das warme, kuschelige Bett, das ihn zu Hause erwartete.
Doch noch musste er sich ein Weilchen gedulden. Der Partyort lag etwa zehn Kilometer von seinem Bett entfernt, und er hatte das Auto nur deshalb nicht genommen, weil ihn die letzten Partys angeödet hatten - aus Gründen, die sich jeder denken kann, der einmal in Versuchung gekommen ist, eine grosse Saufparty mit dem Auto zu besuchen. Man stakst herum, schwätzt mit den anderen, langweilt sich und darf an den Tequila-Zeremonien, den Bacardi-Feeling-Orgien und dem Zehn-kleine-Jägermeister-Schlucken nicht teilnehmen. Während die anderen sich zusaufen, begnügt man sich mit Coca-Cola oder gar mit Energy-Drinks (um sich wach zu halten), und immer wenn ein anderer einem eine Flasche Bier anbietet, muss man sagen: "Nein danke, ich bin mit 'm Auto da."
Natürlich gibt es auch diese Arschlöcher, die mit dem Auto nach Hause fahren, obwohl sie sternhagelvoll sind, doch mit ihnen wollte Pius nichts zu tun haben. Nein, er wollte nicht auf einer einsamen Landstrasse gegen einen Baum rasen, weil er zuviel Alk im Blut hatte. Er wollte nicht wegen einer Dummheit schon so jung sterben. Das war die Sache nicht wert. So hatte er es sich zum Prinzip gemacht, niemals Alkohol zu trinken, wenn er mit dem Auto da war. Keinen Tropfen. Das hatte er sich geschworen.
Pius hatte nicht viele Prinzipien, aber er hielt sich an die wenigen, die er hatte, und dazu gehörten: Don't drink & drive, Keine Schlägereien, Keine Drogen, Kein Nikotin und (zusammenfassend): Lass die Finger von dem, was dich kaputtmacht. Ironie des Schicksals: Er wusste noch nicht, dass er jung sterben würde.
Es war eine sehr lustige Party gewesen. Pius hatte sich dort sehr amüsiert. Es war dort auch sehr zivilisiert zugegangen. Es hatte keine Schlägerei gegeben, und Pius hasste Schlägereien wie die Pest. Er liebte friedliche Auseinandersetzungen wie Diskussionen, manchmal auch Wortgefechte, die in Beschimpfungen endeten (von denen Arschloch oder madenscheissende Kakerlake noch die harmlosesten waren), doch er würde genauso wenig jemanden schlagen, wie er betrunken Auto fahren würde.
Der Nachtwind zischte ihm um die Ohren. Es war richtig kalt geworden. Auf der Party hatte er über seinen Jeans nur ein T-Shirt getragen, und das war nun auch noch nass. Ein Mädchen namens Elisabeth de Nantes hatte ihm etwas Tequila übergeschüttet. Wie konnte er auch nur so dreist gewesen sein, auf die Party zu gehen, ohne einen Pullover, eine Jacke oder wenigstens ein Ersatz-T-Shirt mitzunehmen? Das T-Shirt, das er trug, war nicht nur durch Schweiss und Tequila so nass, dass er fror wie ein nackter Forscher in einer stürmischen Winternacht in Grönland: Es stank auch nach beidem.
Das Mädchen, das ihn mit Tequila überschüttet hatte, war sehr attraktiv. Sie war eine Zeit lang mit einem Typen namens Rüdiger Singer zusammen gewesen, doch die Beziehung hatte nicht lange angehalten. Rüdiger hatte ihre Erwartungen nicht erfüllt, und sie hatte ihn im Stich gelassen. Jetzt war sie wieder solo, und Pius hatte sie auf der Party die ganze Zeit mit Begierde betrachtet, hatte sich aber nicht getraut, sie anzusprechen. Jedenfalls nicht bevor der Alkohol seine Zunge gelöst hatte.
Pius kam die ganze Geschichte erst langsam und schwerfällig wieder in Erinnerung. Ja, sicher, er hatte sie mit einem Typen namens Andreas "Norbert" Blüm gesehen, einem Techno-Freak, der eine Baseballkappe mit der Aufschrift Westbam trug und dessen Ohren und Nase gepierct waren. Er hatte die beiden gesehen und war an ihnen vorbeigetorkelt, auf der Suche nach einem Gesprächspartner, dem er mit seinem Gelalle auf die Nerven gehen konnte.
"Hallöchen", lallte er. "Schmeckt euch der Tequila?"
"Klaro", antwortete Elisabeth. "Kannst gern davon haben."
Und ehe Pius es sich versah, war sein T-Shirt auch schon voller Tequila. Ja, so war das gewesen. Doch Elisabeth hatte sich hinterher auch bei ihm entschuldigt, und zwar so, dass ein heterosexueller Mann wie Pius die Entschuldigung einfach annehmen musste.
Er war gerade mit Freunden zusammen, als Elisabeth de Nantes auf ihn zukam. Sie umarmte ihn zärtlich und legte ihren Kopf an den seinen, so dass sie über seine Schulter blicken konnte. Sie war etwa genauso gross wie er. Dann presste sie sich eng an ihn. Ihre weichen Brüste berührten seinen Körper. Pius spürte eine Erektion, doch er hielt sie zurück.
"Pius", hauchte sie. "Tut mir leid, dass ich dir den Tequila übergeschüttet habe. Verzeihst du mir?"
Pius lächelte zuckersüss und drückte Elisabeth zärtlich an sich. Im nüchternen Zustand hätte er dies wohl nie getan, doch im nüchternen Zustand wäre Elisabeth auch nicht so zärtlich zu ihm gewesen.
"Lisa", raunte Pius. "Es haben mir einige heute Bier oder Tequila übergeschüttet, aber niemand hat sich bei mir entschuldigt, erst recht nicht so lieb wie du. Aber weil du dich so lieb bei mir entschuldigt hast, verzeihe ich dir auch."
Hatte sie ihn geküsst, als sie sich entschuldigt hatte? Pius wusste es gar nicht mehr, doch bei den Gedanken daran fing er fast an zu weinen. Niemals hatte er eine Freundin gehabt, und nie zuvor war ein Mädchen überhaupt so zärtlich zu ihm gewesen. Warum nur wurde der Alkohol an allen Orten so verteufelt, wenn er doch so wunderbare Erlebnisse hervorrufen konnte?
Pius kamen die Tränen. Sollte er anhalten und frische Luft schnappen? Tief durchatmen? Nein, er entschied sich dafür, sofort weiterzufahren, auch wenn er sich nicht mehr konzentrieren konnte. Er achtete nicht mehr auf die Strasse, und so sah er den Lastwagen, der an der nächsten Kreuzung von rechts kam genauso wenig, wie der Lastwagenfahrer Pius sah. Er spürte plötzlich einen gewaltigen Schlag gegen seine rechte Seite. Im selben Augenblick wusste er, was geschehen war. Oh Scheisse, dachte er. Wäre ich doch mit dem Zug oder mit dem Bus nach Hause gefahren.
Doch jetzt war es zu spät. Er kippte nach links um und fiel mit dem Fahrrad auf die Strasse, genau vor den Lastwagen. Als das rechte Vorderrad über ihn fuhr, spürte er plötzlich Schmerzen, grosse, unerträgliche Schmerzen. Er spürte, wie jede Rippe seines Körpers einzeln zerbrach, wie seine inneren Organe aus dem Körper herausgequetscht wurden. Er spürte gerade noch, wie der Lastwagen anhielt. Dann versank er in eine Dunkelheit.
Die Schmerzen, die er auch in der Dunkelheit noch wahrgenommen hatte, wurden schwächer und verschwanden schliesslich ganz. Seltsamerweise waren mit den Schmerzen, die er beim Unfall gehabt hatte, auch alle anderen Schmerzen verschwunden, die Kopfschmerzen, das Schwindelgefühl, einfach alles. Er fror auch nicht mehr. Er fühlte sich so gut, wie er sich in seinem ganzen Leben noch nie gefühlt hatte. Und dann sah er wieder etwas: Es war ein Licht, hell wie tausend Sonnen, und doch blendete es ihn nicht. Es war aber nicht nur ein Licht. Es war einfach wunderbar. Es war voller Liebe. Doch es war nicht die Liebe, die er empfunden hatte, als Elisabeth sich bei ihm entschuldigt hatte. Es war mehr, viel mehr, vielleicht vergleichbar mit der Liebe, die er für seine Mutter empfunden hatte, als er noch ein kleines Kind gewesen war. Diese Liebe durchflutete seinen ganzen Geist, all sein Denken. Er war davon überzeugt, dass dies das wunderbarste war, was er je in seinem Leben gesehen hatte.
Das Licht wurde grösser. Ihm war, als ginge er durch einen Tunnel, immer weiter dem Ausgang zu. Er wusste nicht, wie er in diesen Tunnel hineingeraten war. Er war davon überzeugt, dass dies nur eine sehr intensive Koma-Phantasie war. Doch konnte es möglich sein, dass er gar nicht mehr lebte? Dass er tatsächlich soeben gestorben war?
Jaja, dachte er. So schnell kann 's gehen. Da denkste grad an nichts Böses, und schon rammt dich so 'n Scheiss-Laster, und du hörst die Engel singen.
Es war wirklich das Absurdeste, was Pius je erlebt hatte. Er hatte schon viel von postmortalen Erlebnissen gehört und gelesen, aber nie so richtig daran geglaubt. Da waren Leute gewesen, die für kurze Zeit klinisch tot waren und genau das gesehen haben wollten, was er nun sah: Einen Tunnel, an dessen Ende ein Licht zu sehen war. Psychologen hatten diese Tunnelfahrt als Symbol der Geburt gedeutet, und Pius, der nicht an ein Leben nach dem Tod glaubte, hatte die Deutung der Psychologen sehr ernst genommen. Die Theorie war ganz einfach: Das Gehirn gaukelte dem Sterbenden, kurz bevor es aufhörte zu arbeiten, noch einmal, ein letztes Mal, eine Traum- und Phantasiewelt vor.
Was also würde ihn erwarten, wenn er das Licht erreicht hatte? Das Leben nach dem Tode? Der Himmel? Die Hölle? Die Wiedergeburt? Das Nirwana? Oder eine Fortsetzung der Traum- und Phantasiewelt? Oder würde er wieder im Krankenhaus erwachen? Nein, das glaubte er einfach nicht. Er hatte sich so viele Knochen gebrochen, dass er nichts weiter mehr war als ein Haufen Scheisse. Wie sollte selbst die modernste Medizin einen Haufen Scheisse am Leben erhalten? Geht nicht. Siehste? Es sei denn, man machte einen Cyborg aus ihm, ähnlich wie in Robocop. Dann wäre er eben Robostudent, aber das gehörte in den Bereich der Science-Fiction, und solche Gedanken waren für jemanden, der gerade von einem Lastwagen überrollt worden war, reichlich albern.
Als Pius das Licht erreichte, erwartete ihn weder der Himmel noch die Hölle, und erst recht nicht das Nirwana, nur ein Büro, das aussah wie tausend andere Büros auf öffentlichen Ämtern. Zum Beispiel vor einigen Jahren im Rathaus, als er einen Personalausweis beantragt hatte. Vor ihm sass eine rothaarige Frau an einem Schreibtisch, auf dem ein Computer stand. Im Hintergrund standen Regale die mit Akten gefüllt waren. Die rothaarige Frau blickte Pius mit durchdringenden grünen Augen an und sagte dann: "Wen haben wir denn da?"
Pius merkte erst jetzt, dass er auf einem überaus bequemen Bürostuhl sass. Er stand auf und überlegte. Offensichtlich hatte er alles nur geträumt, der Lastwagen, der Tunnel, alles nichts anderes als ein wirrer Traum. Vielleicht hatte er sich auch die Party nur eingebildet. Doch warum konnte er sich nicht erinnern, wie er in dieses Büro gekommen war? Was wollte er hier überhaupt?
"Tut mir leid", sagte Pius lächelnd. "Aber ich muss wohl eingeschlafen sein, und da habe ich komische Träume gehabt. Na ja, ich bin sicher, Sie haben jetzt für mich Zeit. Sagen Sie mir erst, wo ich hier überhaupt bin, und dann sage ich Ihnen, was mich hierher geführt hat."
"Ich kann Ihnen auf beides eine Antwort geben", antwortete die Rothaarige und lächelte ebenfalls. "Sie sind hier in VAB 657, und Sie sind hier, weil Sie gestorben sind, ganz einfach."
"Ich bin gestorben?" fragte Pius erstaunt. "Unmöglich .Ich sitze doch hier!"
Wieder lächelte die Rothaarige. "Den meisten geht es so wie Ihnen, wenn sie hier ankommen, junger Mann. Sie schimpfen alle auf die Behörden und die Bürokratie, Finanzamt und so weiter. Und dann wollen sie nicht wahrhaben, dass hier die ganze Scheisse einfach weiter geht. Aber ich kann Sie beruhigen: Wenn Sie hier durch sind, werden Sie nie mehr mit Bürokratie belästigt. Ich kann Ihnen versichern, dass sie gestorben sind."
"Das ist unmöglich", sagte Pius kopfschüttelnd. "Ich muss wohl träumen. Aber ich muss wohl bei Ihrem Spiel mitspielen. Wo, sagten Sie, bin ich hier?"
"In VAB 657", antwortete die Rothaarige freundlich.
"Und was bedeutet das?"
"Verstorbenen-Aufnahme-Büro .Hier nehmen wir die Personalien der Verstorbenen auf und entscheiden dann, ob sie in den Himmel oder in die Hölle kommen."
"Aha", sagte Pius. "Und" äh" Komme ich nun in den Himmel oder in die Hölle?"
"Dazu brauche ich erst einmal Ihren Namen, junger Mann."
"Ich denke, der liebe Gott weiss alles."
"Mein Chef weiss alles, aber ich nicht. Und ich muss das entscheiden. Wissen Sie, wie viele Menschen in der Minute sterben?"
Pius zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung."
"Tausend werden es bestimmt sein", sagte die Rothaarige. "Manchmal sind es sogar zehntausend. Es kommt immer darauf an. Während des Zweiten Weltkriegs waren es Millionen. Da mussten wir noch zusätzlich VABs aufmachen. Dies hier ist die Nummer 657. Und mein Chef hat wirklich wichtigeres zu tun, als sich um die Aufnahme der Gäste zu kümmern. Also, jetzt verraten Sie mir bitte Ihren Namen. Wir wollen hier nicht ewig herumhängen, und ich habe bald wieder einen neuen Kunden zu bedienen."
"Gut", sagte Pius. "Ich heisse Pius Heil."
"Haben Sie auch noch einen Zweitnamen?" fragte die Rothaarige. "Was meinen Sie, wie viele Leute mit diesem Namen schon gelebt haben und noch leben werden?"
"Ich heisse Pius Oliver Heil", antwortete Pius geduldig.
Die Rothaarige gab den Namen in den Computer ein und sagte dann: "Es gibt drei Leute, die diesen Namen tragen, trugen oder tragen werden. Können Sie mir noch Ihren Geburtsort verraten?"
"Griesheim."
Die Rothaarige gab auch dies in ihren Computer ein, stutzte und sagte dann: "Tut mir leid, aber Sie müssten eigentlich noch gar nicht totsein."
Jetzt riss Pius der Geduldsfaden. "Sagen Sie mal: Wie lange soll ich Ihr albernes Spiel noch mitspielen?" schrie er. "Zuerst heisst es, ich bin tot, dann heisst es, ich bin doch noch nicht tot. Ich will Ihnen mal was sagen: Seitdem dieser verdammte Laster mich umgefahren hat, spielt alles um mich herum verrückt. Ich weiss gar nicht mehr, ob ich wache oder träume, ob ich lebe oder tot bin oder ob mich irgendein gottverdammter Idiot verarschen will. Ist das hier versteckte Kamera oder was? Habe ich nicht das Recht zu erfahren, welches Scheiss-Spiel hier eigentlich gespielt wird?"
"Beruhigen Sie sich", sagte Rothaarige ruhig. "Ich kann auch nichts dafür, dass Sie hier sind. Weiss der Geier, wie Sie überhaupt hierher gekommen sind. Hier steht, dass Sie erst im Jahre 2066 nach der irdischen Zeitrechnung des Dionysius Exiguus das Zeitliche segnen. Wir haben gerade das Jahr 1996. Irgendetwas ist dumm gelaufen, dass Sie ganze siebzig Jahre zu früh hier antanzen."
"Das sehe ich aber auch so, dass da etwas dumm gelaufen ist", sagte Pius patzig. "Aber da ich schon mal hier bin, kann ich schlecht zurück. Komme ich jetzt in den Himmel oder in die Hölle?"
Die Rothaarige drückte ein paar Tasten auf ihrem Computer. Dann sagte sie: "In den Himmel, weil" Oh, mein Gott."
Sie verstummte.
"Was ist?" fragte Pius. "Was ist denn?"
Die Rothaarige erbleichte. Ihre grünen Augen strahlten Entsetzen aus. "Hier steht, dass Sie in den Himmel kommen, weil Sie die Menschheit vor der Apokalypse gerettet haben."
"Habe ich das?" fragte Pius erstaunt und erfreut zugleich.
"Das ist es ja", sagte die Rothaarige mit bebender Stimme. "Sie haben nicht, Sie werden. Im Jahre 2047 wird ein tödlicher Virus aus dem Dschungel Borneos die Erde heimsuchen. 100% ansteckend und 100% tödlich. Es gibt niemanden, absolut niemanden, der dagegen immun ist. Forscher aus der ganzen Welt werden fieberhaft nach einem Gegenmittel suchen, doch nur ein Mensch kann die Menschheit vor ihrem sicheren Untergang bewahren: Ein gewisser Professor Pius Oliver Heil, geboren in Griesheim, Sie, mein Freund."
"Ich werde die Menschheit retten!" rief Pius erfreut aus. "Das finde ich ja abgefahren!"
"So abgefahren finde ich das nicht", entgegnete die Rothaarige. "Da Sie ja jetzt hier sind, können Sie das Gegenmittel auch nicht finden, und das bedeutet, dass spätestens im Jahre 2048 alles vorbei sein wird. Das sind über zehntausend Jahre vor dem geplanten Ende der Menschheit. Ihr Tod hat die gesamte Weltgeschichte durcheinander geworfen. Wir können jetzt nichts mehr ändern."
"Sie können mich aber noch mal auf die Erde zurückschicken", schlug Pius vor.
"Wie denn?" fragte die Frau am Computer. "Mit Ihrem Körper ist nichts mehr anzufangen. Ich glaube, da muss der Chef persönlich ran. Aber ich glaube, ich weiss woran das alles liegt."
"Woran denn?" fragte Pius neugierig und setzte sich wieder hin.
"An Ihrem Schutzengel", sagte die Rothaarige. "Er hat vermutlich versagt. Er sollte Sie beschützen. Sie sagten, Sie hatten einen Unfall mit einem Lastwagen. Normalerweise hätte es klappen müssen. Ihr Schutzengel hätte dafür sorgen müssen, dass sie dem Laster im letzten Moment ausweichen. Das hat er nicht getan. Er trägt jetzt die Schuld an der ganzen Misere."
"Mein Schutzengel", wiederholte Pius ungläubig. "Soso."
"Ja", fuhr die Rothaarige fort. "Jeder Mensch hat einen. Ein Schutzengel soll dafür sorgen, dass die Menschen nicht vor ihrer Zeit sterben. Einige machen ihren Job hervorragend. Da ist zum Beispiel jemand aus dem Flugzeug gestürzt und in einem Baum gelandet. Er hatte nur leichte Verletzungen. Das hat er alles nur seinem Schutzengel zu verdanken. Sie dagegen müssen eine ganz schöne Pfeife als Schutzengel gehabt haben. So etwas hätte nicht passieren dürfen. Er hat eine grosser Verantwortung getragen. Jetzt hat er das Vertrauen, das der Chef in ihn gelegt hat, verspielt. Ich fürchte, der Chef wird ihn hart bestrafen."
E. Pius Oliver Heil von Griesheim, Pius' Schutzengel, schwebte an der Unfallstelle und betrachtete traurig das Ergebnis seines Versagens. Er war für alle unsichtbar. Für die Polizisten, für die Schaulustigen, für die Unfallsanitäter, für den Notarzt und für den geschockten Lastwagenfahrer. Nur die Schutzengel dieser anwesenden Personen konnten ihn sehen.
"Na, Engel Pius, du armes Schwein", sagte der Schutzengel des Lastwagenfahrers. "Jetzt sitzt du ganz schön in der Scheisse. Gerade du hättest dir keinen Fehler erlauben dürfen. Der Chef wird ganz schön sauer auf dich sein."
Engel Pius nickte traurig. Dies alles hätte nie passieren dürfen. Nun lag er da, der leblose Körper des Mannes, der dazu auserkoren war, die Menschheit zu retten, und es war ganz allein seine Schuld. Er fühlte sich so elend, wie er sich noch nie während seiner ganzen Existenzperiode gefühlt hatte. Er war schlicht und einfach ein Versager.
"Hallo, Engel Pius", sagte der Schutzengel eines Polizisten. "Na, in deinem Astralleib möchte ich nicht stecken. Der Chef kann ganz schön sauer werden, und ich rede in diesem Fall nicht von Raphael, Gabriel oder Michael: Ich rede vom allerhöchsten Chef persönlich. Du kannst froh sein, wenn du in der Hölle landest. Deinetwegen müssen wir den Laden in fünfzig Jahren dicht machen."
Jetzt hatte Engel Pius also schon die eigenen Kameraden gegen sich. Wie würde das alles noch weiter gehen? Welche Strafen würden ihn erwarten? Noch nie hatte ein Schutzengel so sehr versagt wie er. Es hatten zwar schon einige Engel ihre Schützlinge zu früh sterben lassen, doch nie war unter ihnen ein Retter der Menschheit dabei gewesen, auch kein Isaac Newton oder Albert Einstein. Er konnte sich keine Strafe vorstellen, die sein Versagen wiedergutmachen könnte. Und der Zorn des obersten Chefs konnte fürchterlich sein.
Plötzlich spürte er, wie er unsanft am Arm gepackt wurde. Er sah sich um und erkannte seinen unmittelbaren Vorgesetzten, den Erzengel Gabriel. Er erteilte die Befehle, und ihm hatte er zu gehorchen. Vom höchsten Chef hatte er noch nie etwas gesehen.
Der Erzengel sah äusserst wütend aus. Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt. Das Lächeln, das er sonst immer für seine Untergebenen übrig hatte, war aus seinem Gesicht verschwunden.
"Komm mit", sagte er streng. "Der Chef erwartet dich bereits."
"Der Oberste?" fragte Engel Pius ängstlich und zitterte mit den Flügeln.
"Der Alleroberste", antwortete Gabriel nickend. "Der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er ist auch dein Schöpfer, und du solltest ihm dafür dankbar sein."
"Hätte er mich nie erschaffen!" seufzte Engel Pius.
Dann erhoben sie sich, entfernten sich immer mehr von den Blaulichtern an der Unfallstelle und traten schliesslich aus dem Raum-Zeit-Kontinuum aus.
"Du hast einen grossen Fehler gemacht", sagte Gabriel tadelnd. "Ich hoffe, du kennst die Folgen: Der Borneo-Virus wird die gesamte Menschheit ausrotten."
"Wir müssen etwas dagegen unternehmen", stammelte Engel Pius.
"Jetzt ist es zu spät", entgegnete Gabriel. "Der Vorgang kann nur noch vom Chef höchstpersönlich aufgehalten werden, und der mischt sich nur ungern in die Geschichte ein. Genau genommen hat er erst dreimal aktiv in die Weltgeschichte eingegriffen: Als er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hat, als er alle Menschen bis auf Noah und seine Familie durch eine Sintflut ausgerottet hat und schliesslich noch damals, als er seinen Sohn Jesus Christus auf die Erde geschickt hat, um die Menschheit zu erlösen. Und das war auch schon alles. Den Rest haben die Menschen selbst besorgt, und ich bin mir nicht sicher, ob der Chef noch ein viertes Mal in die Weltgeschichte eingreifen will. Sicher nur sehr ungern. Er hat alles so schön geplant, dass er nicht einzugreifen brauchte. Du hast ihm alles ruiniert."
Aus dem Gesicht des Engels rannen dicke Engelstränen. Er fing an zu weinen. Niemals, so glaubte er, hatte sich ein Engel miserabler gefühlt.
Sie kamen an ein grosses goldenes Tor, dessen beide Flügel je mit einem Buchstaben des griechischen Alphabets geschmückt waren: Auf dem einen Flügel war ein A zu sehen, auf dem anderen ein W. Engel Pius hatte diese Tür, soweit er sich erinnern konnte, noch nie gesehen. Aber er hatte schon oft davon gehört: Hinter dieser Tür wohnte sein oberster Chef, der Schöpfer aller Engel und Menschen. Nein, eigentlich wohnte er dort nicht. Eigentlich war er überall zugleich, und es gab nichts, was ihm verborgen blieb, doch hinter dieser Tür pflegte er, sich in einer Gestalt zu zeigen, die auch für Engel und Menschen begreifbar war, in der Gestalt des freundlichen alten Herrn, der seine Hand schützend über Erde und Himmel hielt.
Engel Pius hatte schon viel über diesen seltsamen Ort gehört, und nun, da er ihn mit eigenen Augen sah, staunte er und erschauerte vor Ehrfurcht. Die beiden Flügel der goldenen Tür waren so hoch, dass Engel Pius den oberen Rand nicht mehr erkennen konnte. Wäre er jetzt auf der Erde, so würde er sagen, die Türen reichten bis weit in den Himmel hinein. Aber er war im Himmel, und er konnte nicht sagen, in was diese Türen hineinreichten. Sie schienen einfach endlos zu sein. Neben diesen Türen und auch dahinter war nichts, nur die scheinbare Materie, die sich in jedem Teil dieser jenseitigen Welt befand.
Plötzlich öffneten sich die goldenen Türen langsam, und ein blendendes Licht drang aus ihnen heraus. Der Engel Pius wandte seine Augen von diesem Glanz ab, so wie Moses einst die Augen vom brennenden Dornbusch abgewandt haben musste.
"Sieh nur hin", sagte Gabriel mit strenger Stimme. "Sieh nur in die Herrlichkeit Gottes. Du wirst gleich ihn sehen."
Engel Pius zwang sich, in das helle Licht vor ihm zu sehen, und obwohl ihm Augen und Kopf davon schmerzten, versuchte er, sich ganz darauf zu konzentrieren. Schliesslich tauchte die Konturen eines alten Mannes in diesem Licht auf, und das Licht ebbte ab.
Der Mann schien in keinster Weise wütend zu sein. Engel Pius glaubte noch nicht einmal, dass dieser alte Mann, der da vor ihm stand, überhaupt wütend sein konnte. Seine Augen strahlten Güte und Warmherzigkeit aus, und doch blickte der Schutzengel in das Gesicht eines sehr traurigen Mannes.
"Ich nehme wohl an, Gabriel hat dir schon erzählt, welche weitreichenden Konsequenzen dein Versagen nach sich zieht", sagte der oberster Chef mit sanfter, aber unendlich trauriger Stimme.
Engel Pius senkte den Kopf. Er ertrug es nicht länger, in das traurige Gesicht seines obersten Chefs zu sehen. Er spürte, wie die grosse Schuld, die er trug, in seinem Inneren brannte, und er hoffte, dass der Chef ihm noch einmal verzeihen würde. "So ist es, Herr", antwortete er demütig.
"Dann will ich es dir ersparen", fuhr der Herr fort. "Ich weiss, dass ich mich auf meine drei Erzengel verlassen kann. Nun zu deiner Bestrafung."
Der Schutzengel blickte den Herrn erwartungsvoll an. Es kam nicht oft vor, dass der Herr Strafen aussprach, weder bei Menschen, noch bei Engeln. Wenn er es aber doch tat, dann war die Strafe fürchterlich. Es waren schon viele unartige Engel - wenn auch nur vorübergehend - in der Hölle gelandet. Engel Pius empfand Angst, grosse Angst, und wäre er ein Mensch, so wäre ihm in diesem Augenblick das Herz in die Hose gerutscht.
Endlich fuhr der Herr fort: "Deine Strafe bestimmt derjenige, der durch deine Schuld gestorben ist: Dein Schützling, der Mensch Pius Heil."
Der Engel Pius fiel vor dem Herrn auf die Knie. Engelstränen traten ihm in die Augen. Er schluchzte: "Nein, Herr. Ich tue alles, was du verlangst. Nur verlang nicht das von mir. Ich bereue es. Ich bereue alles. Nur erspare mir diese furchtbare Strafe."
Doch sein oberster Chef blieb hart. "Es ist zu spät, Engel Pius", sagte er. "Du wirst die Strafe annehmen, die der Mensch Pius für dich aussucht. Daran kannst du jetzt nichts mehr ändern. Das hättest du dir vorher überlegen sollen."
Der Schutzengel war verzweifelt. Der Herr hatte ihm die schlimmste Strafe gegeben, die es gab. Ein Mensch, der nur durch die Schuld seines Schutzengels gestorben war und ohne diesen noch viel länger gelebt hätte, hasste seinen Schutzengel. Es war schon oft vorgekommen, dass frisch verstorbene Menschen ihre Schutzengel mit fürchterlichen Strafen wie zum Beispiel 30 Milliarden Jahre Hölle bedacht hatten. Und es gab für Engel und Menschen nichts schlimmeres als die Hölle. Schon ein Tag an jenem fürchterlich kalten Ort war unerträglich und schien Ewigkeiten zu dauern. Und in diesem Fall würde die Strafe besonders hart sein, denn schliesslich hatte er durch sein Versagen den frühen Untergang der Menschheit ausgelöst, und der Engel Pius war sich sicher, dass dem Menschen Pius diese Tatsache inzwischen bekannt war.
"Komme ich jetzt in den Himmel?"
Pius sah die Rothaarige erwartungsvoll an.
"Nein .Ich habe doch gesagt, dass Sie die Begründung noch nicht erfüllen."
Jetzt verwandelte sich erwartungsvolles Gesicht in ein überaus entsetztes, und er fragte: "Komme ich etwa in die Hölle?"
"Haben Sie vorsätzlich und aus niedrigem Motiv heraus jemanden getötet oder den Tod eines Menschen durch Absicht oder Fahrlässigkeit verursacht?"
"Nein."
"Haben Sie stets die zehn Gebote befolgt, sofern die Umstände es zuliessen?"
"Bin Atheist."
"Noch lange kein Grund, in die Hölle zu kommen, sofern Sie ein guter Mensch gewesen sind. In diesem Fall entfallen für Sie lediglich die ersten drei Gebote. Darum frage ich Sie: Haben Sie Ihren Vater und Ihre Mutter geehrt?"
Pius überlegte eine Weile und sagte dann: "Naja, in letzter Zeit ham die mich ziemlich genervt. Letzt bin ich um 3.00 Uhr von 'ner Party heimgekommen. Da ham die gleich Zeter! Mordio! geschrien. Die ganze Nachbarschaft hat 's mitgehört. Und dann haben die über meine Klamotten gemeckert und darüber, wie 's in meinem Zimmer aussieht. Aber ich glaube, das ist in diesem Alter normal. Meine Eltern sind schon in Ordnung. Ob ich sie geehrt habe? Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass es gute Eltern sind - waren."
"Haben Sie Ehebruch begangen?" fuhr die Rothaarige fort.
"Machen Sie Witze?" entgegnete Pius. "Ich war doch nie verheiratet. Da kann ich auch kein Ehebruch begangen haben. Ganz einfach."
"Haben Sie jemals gestohlen oder betrogen?"
Auch auf diese Frage der Rothaarigen musste Pius überlegen. Dann antwortete er: "Ja, schwarz gefahren bin ich schon, aber gestohlen? Naja, einmal habe ich in der Pause auf dem Schulhof so 'nem Trottel die Mütze abgenommen. Ich habe sie dann meinen Kameraden zugeworfen, und die haben sie sich dann gegenseitig zugeworfen, und dann habe ich sie wieder gefangen, und der alberne Trottel hat die Mütze nicht gekriegt! Ich habe sie ihm später wieder gegeben. Aber vorher haben wir ihn ganz schön zappeln lassen. Das ist doch lustig, nicht wahr?"
"Wir finden es ja nicht so lustig", meinte die Rothaarige, "aber mein Chef hat dir diesen kleinen Jungenstreich verziehen. Er hat dir ausserdem verziehen, dass du bei deinem Nachbarn Äpfel geklaut hast. Das macht jeder Junge. Die Hölle wäre ganz schön überlaufen, wenn wir da so pingelig wären. Überspringen wir also das Gebot und kommen zum nächsten: Haben Sie jemals falsch geschworen oder einen Meineid ausgesagt?"
"Ich schwöre es bei meinem eigenen Grab, dass ich es niemals getan habe", scherzte Pius grinsend.
"Haben Sie jemals wissentlich eine verheiratete Frau begehrt oder eine Frau vergewaltigt?" fuhr die Rothaarige fort.
"Nein", gab Pius zur Antwort.
"Haben Sie das Haus, das Auto oder sonst irgendetwas aus dem Privatbesitz eines Menschen begehrt, wenn es nicht zum Verkauf freistand?"
"Jetzt will ich Ihnen mal etwas sagen", schnaubte Pius, den die Fragerei sichtlich genervt hatte. "Wenn ich mit meinem Opel Kadett auf der Autobahn fahre, und mich überholt so 'n Ferrari auf der Überholspur, und da sitzt so 'n Macker mit 'n paar geilen Weibern drin, dann denke ich mir doch auch: So 'n Ferrari hätt' ich gern, und die geilen Weiber gleich dazu. Komme ich deswegen gleich in die Hölle? Schicke Autos, grosse Häuser und geile Weiber zu begehren, das liegt in meiner Natur. So hat Gott mich erschaffen, und wenn es ihm nicht passt, dann hätte er mich sicher anders erschaffen. Lesen Sie mal ein wenig Siegmund Freud zur Abwechslung. Vielleicht denken Sie dann anders darüber."
"Ich kenne Siegmund Freud", erwiderte die Rothaarige. "Sogar persönlich. Sie werden auch einige bekannte Herrschaften kennen lernen. Wenn Sie in den Himmel kommen, werden Sie Leute wie Albert Einstein oder Johann Sebastian Bach oder auch John Lennon oder John F. Kennedy kennen lernen, und wenn Sie in die Hölle kommen, werden Sie mit Adolf Hitler, Josef Stalin oder Kaiser Nero palavern. Und was Ihre Begierde betrifft: Sofern Sie den Neid nicht öffentlich zeigen, ist es OK. Ausserdem kommen heutzutage nur noch die grössten Arschlöcher in die Hölle. Wir sind da viel toleranter, als wir es beispielsweise im Mittelalter waren. Es kommen ohnehin noch viele Menschen in die Hölle. Aber Sie nicht."
"Jetzt mal angenommen, ich hätte Ehebruch begangen", sagte Pius. "Würde ich nur deswegen in die Hölle kommen?"
"Es kommt ganz auf die Umstände an", antwortete die Rothaarige sachlich. "Wenn Sie es mit einer verheirateten Frau getrieben haben, haben Sie gleich gegen zwei Gebote verstossen und kommen auf jeden Fall in die Hölle, es sei denn, Sie gehen zum Priester und beichten es ihm. Gebeichtete Sünden werden immer nachgelassen, selbst wenn es sich um Mord handelt, was ohne Zweifel die grösste aller Sünden ist.
Wenn Sie dagegen nur gegen ein Gebot verstossen haben, dann kann es auch sein, dass Sie vorübergehend in die Hölle kommen. Sie werden zuerst für Ihre Sünde bestraft und kommen dann doch noch in den Himmel. Fegefeuer nennen wir das, obwohl das mit Feuer nichts zu tun hat. Die Hölle ist in Wirklichkeit ein dunkler, kalter Ort, an dem, wie es so schön in der Bibel ausgedrückt wird Heulen und Zähneknirschen herrscht. Man ist gefesselt, kann sich nicht bewegen. Man sieht nichts, und doch hört man alles, die Schmerzens- und Erbarmungsschreie der anderen, einfach alles. Man friert, weil an diesem Ort die Sonne niemals scheint. Die Kälte ist unerträglich. Und es gibt nichts, was man tun kann, damit die Zeit schneller herumgeht. Fünf Minuten Hölle sind schon tausendmal schlimmer als jede andere Strafe, die es überhaupt gibt. Und einige Menschen, die schwer gesündigt haben, müssen bis in alle Ewigkeit dort bleiben."
Eine Tür öffnete sich, und ein seltsam gekleideter Mann mit Flügeln auf den Schultern betrat den Raum. Die Rothaarige neigte ehrfurchtsvoll den Kopf und sagte: "Sei gegrüsst, Meister Gabriel. Was verschafft mir die Ehre?"
"Sie sind Gabriel, der berühmte Erzengel?" rief Pius verwundert aus. "Kann ich ein Autogramm von Ihnen haben?"
Doch der Erzengel schien ihn zu ignorieren. "Ich komme gerade vom obersten Chef", sagte er zur Rothaarigen. "Er möchte sofort den vor wenigen Minuten eingetroffenen Menschen mit Namen Pius Heil sehen."
"Der oberste Chef?" bemerkte Pius erstaunt. "Der Schöpfer des Himmels und der Erde? Und er will mich sehen?"
"Ich denke, Sie sind Atheist!" wunderte sich die Rothaarige.
"Das war ich, bevor ich in diesen turbomässig abgefahrenen Laden gekommen bin", erwiderte Pius grinsend.
Die Rothaarige war plötzlich verschwunden und mit ihr das gesamte Büro. Jetzt befand er sich an einem Ort, der ganz und gar unwirklich auf ihn wirkte. Es gab keine Worte, die diesen Ort beschreiben konnten. Eigentlich war es auch kein Ort, vielmehr ein Gefühl, ein Geisteszustand, etwas, das real und nicht real zugleich war. Das Büro, in dem er einen Augenblick zuvor noch gesessen hatte, war real gewesen, ja beinahe irdisch. So irdisch, dass er anfangs noch geglaubt hatte, er wäre auf irgendeinem irdischen Amt. Doch das, was er hier sah, ging über sein irdisches Begriffsvermögen hinaus. Es war, als hätte ihm jemand das Bewusstsein erweitert. Ihm war, als verstünde er jetzt die Dinge. Wenn ihn jemand nach der Relativitätstheorie und der Quantenphysik gefragt hätte, hätte ganz bestimmt alles gewusst und verstanden, und nicht nur das: Auch die alles umfassende Weltformel war für ihn so klar wie die Tatsache, dass der Ball rund und das Gras grün ist.
In dieser unwirklichen Umgebung erblickte Pius drei Gestalten: Gabriel, den er schon aus dem Büro her kannte, einen älteren Herrn und eine Gestalt, die genauso aussah wie er selbst, mit der Ausnahme, dass diese Gestalt zwei grosse Flügel auf dem Rücken hatte. Es war, als würde er in einen Spiegel blicken.
"He", sagte er. "Das ist ja absolut abgefahren, Mann. Du siehst genauso aus wie ich."
"Ich weiss", antwortete sein Spiegelbild. "Ich bin ja auch dein Schutzengel. Oder vielmehr: Ich war 's."
"Also du bist der Knilch, der das hier alles verbockt hat", bemerkte Pius. Dann wandte er sich an den älteren Herrn und fragte: "Und wer sind Sie?"
Der ältere Herr antwortete lächelnd: "Du kannst mich ruhig duzen. Alle Völker der Erde duzen mich. Ich bin der Schöpfer des Himmels und der Erde."
"Cool!" rief Pius aus. "Du musst wahnsinnig berühmt sein. Kann ich mal 'n Autogramm von dir haben? Das wäre echt geil!"
"Ich würde dir gern eins geben", sagte der Herr. "Nur leider habe ich gerade keine Autogrammkarten bei mir."
Pius konnte sich nicht länger halten. Er lachte, und während des Lachens sagte er: "Ist ja megamässig abgefahren! Du hast ja Humor."
"Sicher", bemerkte der Herr. "Wie hätte ich euch Menschen Humor geben können, wenn ich selber keinen hätte?"
"Aber du hast doch den Menschen auch Hass und Neid gegeben", warf Pius ein.
"Das ist ein Werk des Teufels", erklärte der Herr.
"Aber du hast doch auch den Teufel erschaffen", bemerkte Pius zweifelnd.
"Das stimmt nur teilweise", entgegnete der Herr. "Du kennst doch sicherlich die drei Erzengel: Michael, Raphael und Gabriel."
Pius nickte.
"Früher", fuhr der Herr fort, "gab es noch einen vierten Erzengel: Mephistopheles. Aber lange bevor es Menschen gab, hatte sich Mephistopheles mit seiner Abteilung gegen mich aufgelehnt, und so kam das Böse in die Welt. Er hat dann die Schlange ins Paradies geschickt und so Adam und Eva, die ersten beiden Menschen, in Versuchung gebracht. Ich musste alle Pläne über den Haufen werfen und die beiden ins Höhlenmenschenstadium zurückversetzen. Aus Eva wurde Lucy, und den Rest der Geschichte kennst du ja. Dreimal habe ich bisher aktiv in die Weltgeschichte eingegriffen und so den von mir geplanten Ablauf verändert. Die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies war das erste Mal, die Sintflut das zweite Mal und die Sendung von meinem Sohn das dritte Mal. Die Umstände erfordern, dass ich ein viertes Mal aktiv in die Weltgeschichte eingreifen muss. Andernfalls geht die Menschheit am Borneo-Virus zugrunde."
"Aber warum hast du dann den Borneo-Virus erschaffen?" wollte Pius wissen.
"Der Borneo-Virus war als letzte Geissel Gottes vor der Schwelle eines neuen Zeitalters gedacht", gab der Herr zur Antwort. "Nachdem der Mensch die von ihm verursachten Umweltprobleme des zwanzigsten Jahrhunderts endlich gelöst hat, wartet auf ihn die letzte und fürchterlichste aller Prüfungen: Zwei Drittel der Menschheit werden am Borneo-Virus sterben. Geschieht dies nicht, so wird es spätestens im Jahre 2100 zu einer unerträglichen Überbevölkerung kommen. Die Ressourcen des Planeten werden erschöpft sein, noch bevor der Mensch den Weltraum erobern kann. Doch so wie es zur Zeit aussieht, wird es dazu nicht kommen. Da du hier bist und nicht auf der Erde, wird die gesamte Menschheit am Borneo-Virus zugrunde gehen, wenn ich mich nicht einmische, und ich weiss nicht, ob ich das überhaupt will."
"Scheint so, als ob dir die Schöpfung ganz schön ausser Kontrolle geraten ist", bemerkte Pius vorlaut.
"Das kannst du so nicht sagen", entgegnete der Herr. "Die Schöpfung funktioniert nach ausserordentlich komplizierten Regeln, so kompliziert, dass kein Mensch sie je verstehen kann. Auch jetzt, wo du die Dinge verstehst, wirst du die Gesamtheit der Schöpfung nie verstehen können. Es erscheint dir alles so widersprüchlich. Du wirst dich zum Beispiel fragen, wieso dies hier schief gelaufen ist, obwohl ich ja allwissend bin. Ein scheinbarer Widerspruch. Du kannst es nicht erkennen, weil du unvollkommen bist. Die Welt ist komplizierter, als du glaubst. In über 6000 Jahren hat die Menschheit durch Forschung gerade mal ein Millionstel allen Wissens erreicht. Und selbst du in deinem momentanen Zustand hast nicht einmal die Hälfte. Es gibt so viele Fragen, und einige werden nie beantwortet werden. Zum Glück. Nur ich kenne 90 % aller Antworten, und zu einigen Fragen weiss noch nicht einmal ich eine Antwort. Zum Beispiel auf die Frage: Wird die Menschheit das Jahr 2048 überleben? Das hängt ganz davon ab, wie wir uns entscheiden werden.
Aber nun zum eigentlichen Grund deiner Anwesenheit: Du hast erfahren, was mit der Menschheit geschehen wird, und du bist vor deiner Zeit gestorben. Das ist alles die Schuld deines Schutzengels. Du könntest noch leben, wenn er ein bisschen besser aufgepasst hätte. Dafür soll er nun bestraft werden. Und deine Aufgabe ist es, die Strafe für deinen Schutzengel zu bestimmen."
"Warum soll ich ihn bestrafen?" fragte Pius. "So schlimm war das nicht. Kann jedem mal passieren. Engel sind auch nur Menschen. Ich war an dieser ganzen Misere auch nicht ganz unschuldig. Hätte ich mir die Birne nicht mit Alk vollgeknallt, dann wäre dies alles gar nicht passiert."
"Deine Einstellung ist lobenswert", bemerkte der Herr. "Ich an deiner Stelle hätte auch verziehen. Doch bedenke bitte, was dies alles für Folgen hat. Dein Schutzengel hat den Fortbestand der Menschheit gefährdet. Es wurden schon Engel mit viel geringeren Vergehen mit langjährigem Aufenthalt in der Hölle bestraft. Und nicht nur das: Bedenke, was dir alles entgangen ist! Der Medizin-Nobelpreis beispielsweise! Oder eine Frau! Kinder! Sex! Du hattest nie in deinem Leben Sex gehabt, und dieser Schutzengel ist daran schuld. Erinnere dich an Elisabeth de Nantes. Du hättest gerne mit ihr Sex gehabt, stimmt 's ?Ich verrate dir eins: Du hättest es bekommen. Und ich kann dich nicht einfach zurück auf die Erde schicken. Das habe ich noch nie getan. Was du versäumt hast, das hast du versäumt. Willst du nicht doch den Schutzengel bestrafen?"
"Was hier im Himmel alles abgeht, ist besser als Sex", antwortete Pius, ohne lange nachzudenken. "Und Elisabeth kommt früher oder später auch hierher. Und auf einen Nobelpreis kann ich auch verzichten. Ich bin besoffen mit dem Fahrrad gefahren. Jetzt muss ich die Konsequenzen tragen."
"Muss die Menschheit auch die Konsequenzen deines Fehlers tragen?" fragte der Herr, und er fügte hinzu: "Überleg dir deine Antwort gut. Noch ist nicht entschieden, ob du in den Himmel" - er machte eine Pause - "oder in die Hölle kommst."
Pius überlegte. Vor ihm stand sein Spiegelbild mit Flügeln und zitterte am ganzen Leib. Jetzt stand sogar die Ewigkeit auf dem Spiel. Die Hölle, jener furchtbare, kalte Ort, an dem die Sonne nie schien, wurde nun für ihn oder seinen Schutzengel vorbereitet. Schliesslich sagte er: "Schmeiss den Jungen fünf Minuten lang in die Hölle, und dann ist die Geschichte gegessen."
Doch die Geschichte war noch nicht gegessen. 51 Jahre später durchstreifte eine amerikanische Expedition den Dschungel von Borneo. Niemand kehrte zurück. Am 24. Februar 2047 bestieg ein indonesisch-amerikanischer Such- und Rettungstrupp einen Helikopter. Nach stundenlangem Flug über den Urwald entdeckten sie die Leichen der vermissten Männer und Frauen: Sie lagen inmitten von Blut und Erbrochenem. Es stank nach Magensäure. Die Forscher hatten buchstäblich ihren Magen aus dem Leib gewürgt. Beim Rettungstrupp dabei war auch ein Arzt. Er brauchte die Leichen nur zu untersuchen, und schon trug auch er den Virus in sich.
In Windeseile verbreitete sich der Virus über die gesamte unvorbereitete Menschheit. Einer nach dem anderen siechte dahin. Die Wissenschaftler suchten verzweifelt nach einem Gegenmittel, doch sie fanden keins, und bald war auch der letzte Mediziner des Planeten hinweggerafft.
Himmel und Hölle füllten sich langsam mit den Seelen von Milliarden Menschen aller Völker und Nationen. Die VABs waren überlastet. Jeder Tag brachte Millionen Todesopfer, und nur einen Monat später war die Erde völlig menschenleer. Nur acht Personen blieben übrig: Ein Mann mit Namen Noah Bernstein, dessen Frau Rachel, deren drei Söhne und die Frauen der Söhne. Sie alle liefen durch die verlassenen Strassen von New York City, und ihre Schritte erzeugten gespenstische Echos. Ratten hielten Einzug in der Stadt, und langsam suchten sich Pflanzen den Weg durch die Betondecke ins Freie. Und Noah nahm seine Frau Rachel bei der Hand und sagte: "Siehe, der Herr hat uns eine neue Chance gegeben. Wir werden wieder von vorne anfangen. Unsere Nachkommen werden den Planeten wieder in Besitz nehmen. Hoffentlich werden sie es besser machen."
Doch der Herr betrachtete zufrieden sein Werk. Pius hatte zwar nicht das Gegenmittel finden können, doch durch seinen vierten aktiven Eingriff in die Weltgeschichte hatte Er die Familie Bernstein gegen die Krankheit immun gemacht. Fast alle Menschen waren gestorben, doch die Menschheit hatte überlebt.
Noah betrat eine Kirche. Sie war dunkel. Auch das Ewige Licht war verloschen. Kirchen wurden jetzt nicht mehr gebraucht. Genauso wenig wie Synagogen. Und doch: Hier fühlte er sich dem Herrn näher als anderswo. Er hatte immer noch das Gefühl, in einem Gotteshaus zu sein. Auch ohne die Menschen strahlte die Kathedrale eine heilige Würde aus. Sonnenstrahlen fielen durch die Kirchenfenster und zauberten ein magisches Licht. Noah kniete sich in die vorderste Bankreihe und schloss die Augen. Dann begann er zu beten. Sein Herz war voller Dankbarkeit und Trauer. Tränen traten ihm in die Augen. Er weinte um all die Freunde und Bekannten, die er verloren hatte, doch er dankte dem Herrn, dass er ihn und seine Familie gerettet hatte.
Dann blickte er auf und sah die Kerze, auf der die Jahreszahl 2047, sowie ein A und ein W abgebildet waren. In der Tat: Das Jahr 2047 war gleichzeitig Alpha und Omega, Ende und Neubeginn, denn das Ende ist immer der Anfang von etwas Neuem.
Quelle: www.seelenqual.de
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Zuletzt geändert: 14.09.97
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