tierisches


Franz von Assisi und die Spinne
Diese Begebenheit wird von Heinrich Federer beschrieben
im
letzten Stündlein des Papstes.

 

Das Regenwurmgebet

Lieber Gott,
manchmal komme ich mir vor wie ein Regenwurm.

Ich fresse Staub vom Morgen bis zum Abend
und Dreck vom Abend bis zum Morgen.

Und die Leute, die vorbeigehen,
rufen "Ah, schau da, nur ein Regenwurm"
und Trampeln auf mir herum.
Und das tut weh.

Manchmal kommt auch ein Huhn daher und scharrt und gackert,
und ich muss flüchten.
Oder es kommt eine gravitätische Elster, schwarz und weiss,
ganz kirchlich und wissenschaftlich,
und pickt mich in den Schwanz.
Und ich muss mich wieder verstecken.

Lieber Gott, warum bin ich eigentlich ein Regenwurm?
Warum bin ich denn nicht ein Flamingo
oder ein Adler oder ein Löwe?

Warum bin ich nur so ein gewöhnlicher Regenwurm?
Ja, lieber Gott, Du hast mich nicht gefragt,
 ob ich ein Regenwurm sein wolle.
Meine Eltern haben mich nicht gefragt.

Niemand hat mich gefragt, ob ich auf die Welt kommen wolle.
Und so bin ich halt da und bin, was ich bin, ein Regenwurm.

Ja, lieber Gott, ich höre, was Du zu mir sagst:
"Regenwurm, Regenwurm, du bist wahnsinnig wichtig!
Ohne dich gäbe es keine Pflanzen und keine Tiere
und keine Menschen.

Ohne dich gäbe es keine Kirche, keine Wissenschaften
und keine Wirtschaft.
Nichts gäbe es ohne dich, Regenwurm,
du bist wichtig!" Ja,
was soll ich darauf antworten?

Ich antworte:
Lieber Gott, ich danke Dir, dass ich so wichtig bin.
Aber es wäre schön, wenn Du das auch den Hühnern
und den Elstern in all ihrer Wichtigkeit sagen könntest.

Amen

 

Gebet einer Schnecke

Du weisst Herr, ich bin nicht eine der Schnellsten.

Ich trage mein Haus, habe Stummelfüsse,
muss lange nachdenken über den Weg.

Die Augen sehen bis zum nächsten Grashalm.

Vielleicht bin ich manchmal an dir vorbeigekrochen
und habe dich nicht erkannt.

Vergib Herr,
der du zählst die Schleimspuren im Schotter,
und lass – wenn auch spät – die Lastenträger,
die langsamen, ankommen bei dir.


Rudolf Otto Wiedmer

 

Frosch-Gebet

Manchmal komme ich mir vor wie ein Frosch. Bin ich im Wasser, geht mir bald die Luft aus und ich muss Luft schnappen. Sitze ich auf dem Seerosenblatt, scheint die Sonne auf meine Haut, wird es mir bald zu heiss und ich muss zurück ins Wasser. Warum muss ich so ein Zwischengeschöpf sein, weder Fisch noch Vogel, weder im Wasser noch auf dem Land ganz zu Hause?

Bin ich bei Christen, sagen sie, ich sei kein Christ, weil ich viele Fragenzeichen habe und mir manchmal die Luft ausgeht. Bin ich bei Nichtchristen, schimpfen sie, ich sei ein Christ, weil ich an Jesus glaube. Bin ich bei den politisch Engagierten, sagen sie, ich sei ein Frommer, weil ich glaube, dass das Gebet für die Politik wichtig ist. Bin ich bei den Frommen sagen sie, ich sei zu wenig fromm, weil ich glaube, dass wir etwas tun sollten für unsere arme Welt. Bin ich bei den Offizieren, sagen sie, ich sei kein rechter Schweizer, weil ich finde, Dienstverweigerer gehörten nicht ins Gefängnis. Bin ich bei den Dienstverweigerern, schimpfen sie mich Militärkopf, weil ich die Schweizer Armee nicht abschaffen möchte.

Warum muss ich immer dazwischen hocken? Warum muss ich ein Frosch sein, und kann nicht ein Flamingo, Löwe oder Adler sein? Warum bin ich nur ein gewöhnlicher Frosch, den alle auslachen? Hilf mir, Gott, dass ich meinen Platz recht ausfülle als Zwischengeschöpf in deinem Reich.

Hilf mir, ein fröhlicher Frosch zu sein.